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100 Prozent Leidenschaft

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern 100 Prozent Leidenschaft

Wer die über 100 Seiten dicke, reich bebilderte Programmvorschau der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (MV) durchblättert, hat die Qual der Wahl, denn die 150 Konzerte an 90 Spielstätten sind allesamt so interessant, dass man keines von ihnen auslassen möchte.

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Nils Mönkemeyer ist 360-Grad-Künstler.

Quelle: Irene Zandel

Rostock. Man kann sich nur mit Mühe vorstellen, unter welch schwierigen Umständen das MV-Festival 1990, also zur Zeit der damals noch existierenden DDR, gegründet wurde. Übrigens: Lothar de Maizière, der damalige Ministerpräsident der DDR, spielte beim Gründungskonzert im Staatstheater Schwerin am 13. Mai die 1. Viola in einem Mozart-Streichquintett.

 In den ersten Jahren aber hatte das Festival wenig Resonanz beim Publikum, die Spielstätten waren häufig in einem jämmerlichen Zustand, die Infrastruktur war so schlecht, dass man auf den holprigen Straßen nur langsam voran kam und für große Künstler fehlte natürlich das Geld. Drei berühmte Musiker aber kamen und spielten ohne Gage, weil, wie Matthias von Hülsen (der erste Intendant des MV-Festivals) sagte, „der geschichtliche Moment sie so bewegt hat.“ Swjatoslaw Richter, Yehudi Menuhin und Anne-Sophie Mutter waren Retter in höchster Not. Das aber war dann doch eher die Ausnahme und so kam man auf eine großartige, bis heute praktizierte Idee, die von Hülsen so formuliert: „Wir haben uns gesagt: Wenn die 'big names' nicht zu uns kommen, dann müssen wir sie uns selbst basteln.“

 So begann die systematische Förderung junger Künstler („Junge Elite“), die dann schon nach wenigen Jahren oftmals Weltruhm erlangten. Die Liste der Preisträger liest sich wie das Who's Who der Kammermusik: Sie beginnt 1995 mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott, dem Julia Fischer, Nikolaj Znaider, Matthias Schorn, Alice Sara Ott, Vilde Frang, Igor Levit, Harriet Krijgh, das Quatuor Ebène und Kit Armstrong – um nur einige zu nennen – folgten. Die Festspielleitung hatte gehofft, dass diese Künstler auch dann nach Mecklenburg-Vorpommern zurück kommen, wenn sie weltberühmt sind, und diese Rechnung ist aufgegangen. Müller-Schott liebt „das Gefühl, in eine Festspielfamilie aufgenommen worden zu sein“ und ist in diesem Sommer in acht Konzerten zu erleben, mehrmals auch zusammen mit dem Quatuor Ebène (Ebenholz Quartett), das sogar achtzehn mal auftritt. Die norwegische Spitzengeigerin Vilde Frang ist wieder dabei und viele andere mehr! Und das Publikum weiß längst, dass ein beim MV-Festival auftretender Künstler „ohne Namen“ seine Zuhörer ebenso begeistern wird wie die „big names“.

 Ich habe das „Preisträger-Projekt“ mit den Ebènes vom 29. Juli bis 1. August ausgewählt. Das junge französische Quartett spielte an diesen vier Tagen an vier nicht weit voneinander entfernt liegenden Orten, und jede einzelne dieser Spielstätten war eine Reise wert: das im neubarocken Stil erbaute Schloss Hasenwinkel mit seinem schönen Schlosspark ebenso wie die barocke Schelfkirche in Schwerin und die prachtvolle Kirche des 1232 gegründeten Zisterzienserinnenklosters in Rühn ebenso wie die Heiligen-Geist-Kirche mit ihrer kunstvoll bemalten Holzbalkendecke in Wismar.

 „Aimez-vous Brahms?“ Diese Frage stellt sich den Ebènes erst gar nicht: Natürlich lieben sie Brahms und an einigen Abenden spielen sie nichts anderes als Brahms. Sie tun sich gerne mit anderen Musikern zusammen, um wie in Hasenwinkel und Rühn, die Klaviertrios 2 und 3, das Horn- und Klarinettentrio und die Klavierquartette 1 und 2 zu spielen. Mit ungemein lebhafter Mimik, mit subtiler Gestik und sprechenden Blicken nahm der junge Bratscher Adrien Boisseau (der erst seit Januar 2015 bei den Ebènes ist) seinen Job wahr, zwischen Hoch und Tief, zwischen Violine und Cello zu vermitteln. Das Ergebnis war ein Brahms à la Ebène, der zum einen schroff und knorrig und sehr dramatisch war, zum anderen aber auch Gefühlstiefe zeigte und sehr norddeutsch klang. Die Hörer wurden auf eine hoch emotionale Reise voller Überraschungen mitgenommen, auf eine Reise, bei der man sich in der Musik verlieren konnte. Genau das, dieses „Sichverlieren in Musik“ ist es, was die Ebènes beim Publikum erreichen möchten, sagt Adrien Boisseau. Es ist ihnen perfekt gelungen!

 Dann eine ganz andere Überraschung in Schwerin: der junge Mozart mit seinem Divertimento KV 136 wurde von ihnen schwebend leicht, taufrisch und herzerwärmend gespielt. Ein ungemein vitales Musikerlebnis bescherten sie dem Publikum, als sie sich dann mit anderen Preisträgern vereinten, um die Serenade D-Dur des jungen Brahms und das herrliche, quicklebendige Oktett des 16-jährigen Mendelssohn zu interpretieren. Und dann das Oktett von Schubert in der Heiligen-Geist-Kirche in Wismar! Hier konnten die vier jungen Franzosen zusammen mit Stéphanie Corre (Klarinette), Marianne Talquin (Horn), Gaelle Habert (Fagott) und Laurène Durantel (Kontrabass) – auch sie sind allesamt Preisträger des MV-Festivals – das Publikum mit geradezu magischem, beglückenden Zusammenspiel begeistern.

 Aber die Ebènes lieben die stilistische Vielfalt und können auch ganz andere Saiten aufziehen, wie etwa demnächst, vom 19. bis 23. August. Dann heißt es an vier Abenden: „Quatuor Ebène goes Jazz“! Wer aber eintauchen will in nur ein einziges Jahr, wer „Musik in der Zeit verorten“ möchte, der kann vom 11. bis 13. September in Ulrichshusen (fast) alle Kompositionen hören, die Beethoven 1808 geschrieben hat – und was in Literatur, Politik und Kunstgeschichte in diesem Epochenjahr geschah, das wird von Koryphäen wie Hanjo Kesting, Kilian Heck oder Peter Simonischek in Lesungen, Textcollagen und dergleichen erläutert. Bis zum feierlichen Abschlusskonzert am 19. September in Wismar – Beethovens Violinkonzert (gespielt von Nikolaj Znaider) folgt die 10. Sinfonie von Schostakowitsch – gibt es in Mecklenburg-Vorpommern noch viel zu sehen und zu hören! Auch für die folgenden Konzerte wird sicherlich gelten, was der neue Intendant Markus Fein über sein Festival sagt: „Null Prozent Routine – einhundert Prozent Festspielleidenschaft!“ (Jürgen Gahre)

www.festspiele-mv.de

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