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Musik von einem anderen Stern

Fettes Brot in Kiel Musik von einem anderen Stern

Knapp 6000 Besucher wohnten der Ankunft von Fettes Brot als Teenager vom Mars in der Sparkassen-Arena-Kiel bei. Beim Landeanflug mähten die Hamburger Rapper Björn Beton, Doc Renz und König Boris – wie gewohnt – so einige Grenzposten der reinen Hip-Hop-Lehre ab.

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Hip Hop aus Hamburg vor 6000 Fans in Kiel: Fettes Brot mit Dokter Renz, König Boris, Björn Beton in der Sparkassen-Arena.

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Am Ende der gut zweistündigen Show steht eine beeindruckende Punktlandung im Auge des Partyorkans. Und das war nach den teilweise niederschmetternden Reaktionen meinungsbildender Musikfeuilletonisten und Genrekenner auf das aktuelle und den Tourtitel stiftende Album Teenager vom Mars nicht unbedingt zu erwarten: Als Ü40er würden sie sich im Spagat zwischen Gesellschaftskritik und Partylaune verrenken, musikalisch allzu sehr mit dem Elektro-Mainstream flirten und dabei auch vor den Mitteln des Schlager nicht Halt machen. Keine ganz aus der Luft gegriffenen Anwürfe, aber am Ende im wilden Ritt durch einen über 20 Jahre dicken Backkatalog spielen sie doch keine Rolle mehr.

 Das Missbehagen über hässliche Kirmestechno-Autotune-Spielereien (Mein Haus), elektrobimmeliger Schlagerhaftigkeit (Das letzte Lied auf der Welt) und biedere Berufsjugendlichkeit (Du bist the Shit) löst sich auf in der meisterhaften Beschwörung eines kollektiven Partygeistes irgendwo im Spannungsfeld von Rap, Pop, Techno, Rock und Indielectro, der nicht nur von den drei fantastisch aufgelegten MCs, sondern auch von einem exzellenten Sound gepusht wird. Ein druckvoller, organischer, tief in den Eingeweiden wühlender Sound, der stark vom Groove der Livemusiker an Keyboard/Percussion, Schlagzeug und Bass sowie DJ Pauly lebt. Songs wie dem grandios reggaeesken, bläserumwölkten Wackelige Angelegenheit oder dem muskulös wummernden Ganz schön low steht dieser organische Sound ganz besonders gut.

Wiedererkennungswert erwünscht

 Dass es von den 13 zur Verfügung stehenden Stücken des aktuellen Albums nur sieben auf die 24-Songs starke Setlist schaffen, mag man als Eingeständnis werten, die Platte gehöre wohl wirklich nicht zu den stärksten der Brote. Vielleicht ist es aber auch allein der Partydramaturgie geschuldet, die zu viele Lieder ohne nennenswerten Wiedererkennungswert nicht duldet. So oder so eine gute Entscheidung. Immer wenn man die Stimmung bereits am Siedepunkt wähnt, kommt ein Hit und wirft Kohlen nach. Und Hits gibt’s massig im Broteregal: von den frühen Gassenhauern wie das mit dem Theme from Ghostbusters und Dr. Albans I Like To Move It remixte Nordisch By Nature und Jein über mittelalte Backware a lá Bettina, zieh dir bitte etwas an, Emanuela und An Tage wie diesen und bis zu frischeren Werken, beispielsweise Amsterdam, Echo und Für immer immer. Dazu gibt es als ersten Zugabenblock Lieblingslieder wie Silberfische in meinem Bett, da draußen, Die Definition von Fett oder Meh Bier – kredenzt in Kernbesetzung aus Doc Renz, König Boris, Björn Beton und DJ Pauly: wunderbar!

 Natürlich fehlt auch der Überhit Schwule Mädchen nicht, der am Ende der zweiten frenetisch umjubelten Zugabe als finaler Song das Dach der Sparkassen-Arena vollends anhebt. Alter und Aussehen egal: Die Brote machen noch immer jede Party fett – und brauchen dafür nicht einmal gute neue Songs.

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