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Erotische Träume in spanischer Sommerfrische

„Figaros Hochzeit“ an der Berliner Saatsoper Erotische Träume in spanischer Sommerfrische

Ein spanischer Adeliger entflieht gerne der sommerlichen Hitze durch einen Aufenthalt in einem Seebad, vorzugsweise in Cádiz, behauptet Jürgen Flimm im Programmheft zu seiner Neuinszenierung von Mozarts „Le nozze di Figaro“ an der Staatsoper Berlin.

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Susanna (Anna Prohaska) in Bedrängnis des Grafen (Ildebrando D'Arcangelo) an der Staatsoper im Schiller Theater Berlin.

Quelle: Jörg Carstensen

Berlin. Und so sehen wir dann auch während der Ouvertüre, wie Graf und Gräfin mit Koffer schleppendem Gefolge in einem lichtdurchfluteten Sommersitz von der Dienerschaft willkommen geheißen werden.

 Die Liebesirrungen und -wirrungen können beginnen, und sie tun das mit einer Turbulenz, die geradezu atemberaubend ist. In dieser Inszenierung scheint Cherubino Figaro als Hauptfigur abzulösen, denn in der Rolle des liebeskranken Knaben zieht Marianne Crebassa durch ihr äußerst charmantes Auftreten die Aufmerksamkeit häufig auf sich. Auch ist Cherubino fast omnipräsent, wie zum Beispiel am Ende des zweiten Aktes, wenn er das köstliche Durcheinander nutzt, um es mit Barbarina im Kleiderschrank der Gräfin zu treiben. Überhaupt die Frauen, er liebt sie alle, macht sich sogar an Figaros Mutter, die nicht mehr so ganz junge Marcellina, heran. Auch ist er nicht zimperlich, wenn er Susanna oder der Gräfin Avancen macht – kaum ein Körperteil bleibt von ihm unberührt. Die Damen lassen sich das alles gerne gefallen und möchten offensichtlich mehr als nur diese erotischen Tändeleien. Einem dermaßen von Lebenslust und stürmischer Pubertät Geschüttelten verzeiht man natürlich gerne. Aus ihm könnte mal ein perfekter Don Giovanni werden.

 In Jürgen Flimms Inszenierung dürfen alle ihren erotischen Träumen nachgehen, dürfen Grenzen überschritten und auch derbe Wünsche erfüllt werden, wie in einem Sommernachtstraum. Auch die Eifersucht des Grafen wird ins Groteske gesteigert, wenn er wie ein Großwildjäger im Gemach seiner Gattin erscheint und Susanna mit einem schussbereiten Gewehr auffordert, endlich aus dem Schrank zu kommen. Solche Grobheiten wollen jedoch so gar nicht zu Mozarts fein pulsierender Musik passen.

 Am Schluss, wenn der Garten, in dem sich die köstlichsten Verwechselungen, Verkleidungen und Versöhnungen abgespielt haben, plötzlich von der Bühne verschwindet und alle wieder so dastehen wie am Anfang, mit den Koffern in der Hand, dann weiß man, dass dies nur ein Traum war. Ein Traum aber voller Abgründe und Ambivalenzen, der jedem einen Spiegel vorgehalten hat.

 In diesem Spiegel mag der Graf erkannt haben, dass er, obwohl er testosterongesteuert ist, seine Frau trotzdem noch immer liebt. Ildebrando D'Arcangelo ist ein rechtes Mannsbild – mit seinem virilen Bassbariton kann er in dieser Rolle kräftig punkten und bekommt für seine Eifersuchtsarie viel Applaus. In der überirdisch schön gesungenen Arie der Gräfin „Dove sono i bei momenti“ zeigt Dorothea Röschmann, dass sie noch immer zu den besten Mozart-Sopranen zählt. Anna Prohaska ist eine quicklebendige Susanna, die dem betörend liebenswerten Cherubino der Marianne Crebassa in nichts nachsteht. Von dem Figaro des Lauri Vasar hätte man mehr Souveränität und eine nuanciertere Gestaltung erwartet, sein prächtiger Bariton aber kann sich sehr wohl hören lassen. Olaf Bär ist ein rüder Antonio, der seinem Herrn, dem Grafen, schon mal aus wenig erfindlichen Gründen einige Schiebekarren Dreck in die Villa fährt. Katharina Kammerloher (Marcellina) und Otto Katzameier (Bartolo) sind ein köstliches Buffo-Paar, Florian Hoffmann ist als Basilio urkomisch und abstoßend zugleich, während Sónia Grané die kleine Rolle der Barbarina mit Naivität und einer gehörigen Portion Sexappeal gestaltet.

 Gustavo Dudamel dirigiert die Staatskapelle Berlin mit einem sicheren Gefühl für humorvolle Pointen, rasante Steigerungen und einer Feinnervigkeit, die ein wundervolles Gleichgewicht zwischen glänzender Champagner-Stimmung, lyrischen Glücksmomenten und der pikanten Liebesnot der Sommerfrischler herstellt. – Viel herzlicher bis stürmischer Applaus.

 www.staatsoper-berlin.de

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