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Im Wandel der Jahreszeiten

Daniel Hopes Vivaldi-Abend Im Wandel der Jahreszeiten

Daniel Hope ist nicht nur ein Weltklasse-Geiger, sondern auch ein berufener Conférencier in eigener Sache: Mit einem zünftigen „Moin, Moin“ begrüßt er seine zahlreichen Zuhörer am Donnerstag im Flensburger Deutschen Haus und hatte sie schon auf seiner Seite.

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Vielseitiger Künstler: Daniel Hope.

Quelle: Olaf Malzahn/ Archiv

Flensburg. Dann berichtet er von dem Anruf des britischen Komponisten Max Richter und dessen Idee, Vivaldis Vier Jahreszeiten neu zu erfinden. Ob es ein Problem mit dem Original gebe, habe er zunächst zurückgefragt. Richter entgegnete, dass dieses zwar großartig, aber durch seine Dauerpräsenz in Einkaufszentren, Fahrstühlen und Telefon-Warteschleifen heute so verbraucht sei, dass es ihm wie eine musikalische Tapete erscheine.

 Bei diesen Worten liegt die erste Hälfte von Hopes SHMF-Auftritt bereits hinter dem Hörer. In dieser spielt der Geiger gemeinsam mit dem Ensemble l’arte del mondo das Original. Es ist eine schöne, ganz aus dem Geist des Wohlklangs geborene Interpretation. Das auf modernen Instrumenten musizierende Orchester präsentiert den Konzertzyklus in gemessenen Tempi und lässt seinen pastoralen Elementen wie auch dem Solisten freien Lauf. Hope zeigt sich als großer Romantiker auf seinem Instrument, spendabel in Sachen Vibrato und Kantabilität, in seiner Klangrede so direkt, dass man beinahe mitsingen könnte. Von den musikalischen Rauheiten und Formel-1-Geschwindigkeiten, mit denen man dem viel gespielten Werk in Originalklang-Kreisen heute begegnet, fehlt dabei jede Spur. Aufführungspraktisch stellt der Geiger die Uhr so zurück und präsentiert die Jahreszeiten als reine Schönwettermusik. Das Ergebnis beschert dem Zuhörer einerseits eine vergnügliche Dreiviertelstunde, macht andererseits aber auch deutlich, was Max Richter zu seiner Recomposed-Version bewegt hat.

 Diese folgt nach der Pause und erweist sich als hoch inspirierte Reise zum Herz der Jahreszeiten, die der Komponist hierfür gründlich in ihre Einzelteile zerlegt hat. Oft sind es nur kurze Sequenzen des Originals, die er in seiner Neubearbeitung wieder und wieder durch an Minimal Music anknüpfende Wiederholungsschleifen schickt. Man könnte annehmen, dass diese Dauerbefeuerung mit den ohnehin allzu bekannten Motiven diesbezügliche Ermüdungserscheinungen verstärken würde. In der Praxis ist das Gegenteil der Fall: In der furiosen Interpretation von Daniel Hope und dem nun ganz entfesselt aufspielenden l’arte del mondo entwickeln gerade diese Loops eine erstaunliche Anziehungskraft. Mitunter klingt die Musik nun so, als hätten Vivaldi, Arvo Pärt und Michael Nyman die Partitur zusammen geschrieben. Durch den subtilen Einsatz von Live-Elektronik gewinnt die Aufführung zusätzliche Plastizität. Der Applaus für die durch und durch faszinierende Gegenüberstellung ist riesig und Hope bedankt sich mit zwei weiteren Vivaldi-Encores, bevor er sein restlos begeistertes Publikum mit einer Solo-Variation von Johannes Brahms’ Guten Abend, gut’ Nacht auf den Heimweg schickt.

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