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Besser scheitern!

Florian Schroeder Besser scheitern!

„Der Vergleich ist die Vorhölle der Entscheidung. Heute heißt es: Von der Zeugung bis zur Leiche – Vergleiche, Vergleiche, Vergleiche!“, ruft Kabarettist, Buch- und Blog-Autor und Fernsehmann Florian Schroeder in den voll besetzten Saal des Metro-Kinos. Und erntet Applaus für sein neues Programm "Entscheidet euch!".

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Die ewige Altersfrage

Florian Schröder im Metro Kino in Kiel

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Das an die Bühnenrückwand projizierte Bild eines Wegweisers, der vielarmig ins Leere deutet, bildet die Kulisse zum wortgewaltigen, mehr als zweistündigen dicht getakteten Mix aus politischem Kabarett, Stand-up-Komik, Parodien und kurzen Dialogszenen, die Schroeder alle selbst in wechselnden Rollen mimt. Sein großes Thema: die unendliche Zahl an Möglichkeiten zur Selbst- und Fremdoptimierung, die das Leben heute anstrengend und die Leute dauerhaft unzufrieden machen. Schon der banale Kauf eines Shampoos kann da in Krisen stürzen. Er könne 50 Sorten alleine einer Marke aufzählen, rattert Schroeder los und wundert sich unterwegs über Namen wie „Repair Extrem“: „Was ist das? Ein Shampoo für Dschihadisten-Aussteiger?“

Wie eine Mischung aus einem unter Dauerdampf stehenden Motivationstrainer, einem gewitzten Uni-Dozenten und einem lustigen Kumpel erscheint Schroeder im smarten Anzug. Rollen, die er je nach Anlass munter durchtauscht. Und Anlässe gibt es genug: Etwa der aktuelle Vorschlag zur Abschaffung des Bargelds. Dann werde das Finanzsystem noch abstrakter, noch absurder. Nichts gelernt aus der Finanzkrise? „Geld haben, heißt Sex haben mit Nullen zum Zwecke der Zeugung von Zinsen“, spottet Florian Schroeder, „nicht umsonst gibt es in Bankenvierteln die meisten Puffs!“ Während die Frauenquote „vatikanös“ niedrig sei. Auch Zocker wie Uli Hoeneß oder der französische Trader Kerviel, der Milliarden verspekulierte, hätten das mit Bargeld wohl eher nicht getan, so Schroeder. Treffend sind viele seiner Beobachtungen. Genauso wie die Schlüsse, die er daraus zieht: Wir sollen dumm bleiben, schwer beschäftigt in der alltäglichen Optimierungs- und Entscheidungsschlacht.

Ein bisschen geht sich Schroeder in seinem Programm allerdings auch selbst in die von ihm aufgezeigte Falle. Schlicht zu viel stopft er in den prallen Abend. Von den völlig überzogenen Erwartungen an Liebes- und Lebenspartner über falsch verstandene Meinungsfreiheit in Kommentarspalten bis zur Flüchtlingsproblematik („Der Mensch war schon immer Migrant“): Alles ist dabei und vieles davon wichtig, aber irgendwann einfach zu viel für ein einziges Programm. Und manches hängt auch seltsam aneinandergereiht in der Luft. Trotzdem: ein gelungener Abend, der mit einem Plädoyer für eine verschüttete Tugend zu Ende geht, dem „Mut zum Fehler und zum Scheitern“: „Ist gar nicht so schwer“, ermuntert Schroeder: „ Einfach wieder versuchen, wieder scheitern! Nochmal versuchen, besser scheitern!“

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