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Geschmackssichere Revue

Landestheater SH Geschmackssichere Revue

Pontevedrinische Frivolitäten im Paris des Fin-de-siécle: das ist Franz Lehárs unverwüstliche Meisteroperette “Die Lustige Witwe”, die jetzt am Landestheater Flensburg ihre opulente Premiere feierte.

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Tina Marie Herbert und Markus Wessiack mit dem ähnlich frivol gestimmten Ensemble.

Quelle: Landestheater SH

Flensburg. Dabei hatte es das Produktionsteam (Regisseur Markus Hertel und Ausstatter Erwin Bode) erfreulicherweise unterlassen, Lehárs famosen Wurf krampfhaft zu aktualisieren, stattdessen die erotischen Irrungen und Wirrungen um den Grafen Danilo und die allseits begehrte, steinreiche Witwe Hanna Glawari als temporeiche, farblich geschmackssichere Revue auf die Bühne des Landestheaters gesetzt.

 Mit Florian Erdl am Pult der munter aufspielenden Landessinfoniker war für orchestrale Rasanz gesorgt, wobei neben süßester Walzerseligkeit und spritzigem Can-Can gelegentlich martialisches Tschingbum zu vernehmen war, das eher an Berliner Operette als an Lehársche Raffinesse gemahnte. Originell und fein musiziert die dezente “Backgroundmusik” einer veritablen Kaffeehauskapelle, die diverse Dialogpassagen der Protagonisten musikalisch zu untermalen hatte. Leider gerieten gerade diese gesprochenen Szenen nicht immer zündend und wirklich erheiternd, da man jede Menge Bühnenkalauer nebst altbekannten Herrenwitzchen fröhlich Urständ feiern ließ und es mit der Textverständlichkeit ohnehin schon mal haperte.

 Die Testosteron-geschwängerte Kavaliersriege im Schlepptau der begehrten Witwe entledigte sich ihrer teilweise anspruchsvollen Partien mit überzeichneter Agilität und unterschiedlichem vokalem Fortune. Dagegen wirkte Markus Wessiak als sorgengeplagter, nicht allzu heller pontevedrinischer Botschafter wie ein tumber Fels im schlüpfrigen Gefühlschaos, das von seinem windigen Kanzlisten Njegus (Jürgen Böhm mit einem köstlichen Zusatzcouplet) unfreiwillig noch potenziert wurde. Ansgar Hüning als “Bonvivant vom Dienst” gab den hin- und hergerissenen Lebemann Graf Danilo, dem speziell in lyrischen, intensiv-leisen Passagen ungemein Berührendes gelang. Seine angebetete Hanna Glawari war die operettenerprobte Anna Schoeck mit groß aufblühendem Sopranglanz, eindrucksvoller Bühnenpräsenz und differenzierter Rollengestaltung. Ihr zur Seite als capriziöse, verführerische Valencienne wusste Tina Marie Herbert einmal mehr mit glockenhellen Höhenausflügen, darstellerischem Charme und quirliger Kokettiererei zu bezaubern.

 Der von Bernd Stepputtis gewohnt gut präparierte Chor mimte präzise und stimmgewaltig die vergnügungssüchtige Party-Gesellschaft, die von der sehr präsenten Ballettcompagnie sinnstiftend ergänzt wurde. Denn Choreograph Catalin Tiganasu und seine gutgelaunten Tänzer servierten mit dem eingefügten Lehár-Walzer “Gold und Silber” eine erfrischend intelligent gestaltete Parodie auf das irrisierende Gefühlsdurcheinander frivoler Paare, das den leicht anrüchigen Charme dieser genialen “Tanzoperette” seit über 100 Jahren ausmacht. (Detlef Bielefeld)

  www.sh-landestheater.de

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