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Der Film als Inspirationsquelle

Sommerausstellung in der Gerisch-Stiftung Der Film als Inspirationsquelle

Wer sich in den kommenden Wochen der Villa Wachholtz nähert, könnte sich beobachtet fühlen. Auf dem Dachfirst hockt eine Rabenfamilie, säuberlich der Größe nach aufgereiht. Schau man in die großen Linden vor dem Haus, entdeckt man im frischen Blätterdach noch mehr schwarze Vögel. Insgesamt 53 der handelsüblichen Attrappen zur Vergrämung lästiger Tauben hat Thomas Judisch hier versteckt – entsprechend dem Erscheinungsjahr einer Erzählung von Daphne DuMaurier, die zur Vorlage von Alfred Hitchcocks legendärem Thriller Die Vögel wurde.

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Viviane Gernaert gibt sich mit ihren dramatisch bewegten Skulpturen klar als Fan von filmischen Kampfszenen zu erkennen.

Quelle: bos: Björn Schaller

Neumünster. Judisch ist einer von zehn Künstlern, die Claus Friede zur Sommerausstellung Friendly Footage – Kunst und Spielfilm in die Herbert Gerisch Stiftung eingeladen hat. „Viele Künstler beziehen sich auf das Phänomen Film als kollektives Bildgedächtnis“, so der Kurator. Für die Arbeiten der beteiligten Künstler dient der Film als Inspirationsquelle, aus der Eigenes entsteht. Die Kunst steht also im Fokus der Schau, „aber das Doppelbödige bleibt erhalten.“ Und so sind Judischs Vögel nicht nur Zitat oder gar plumpe Assoziation. Spannend ist hier die Idee der Täuschung, denn man denkt, die Vögel wären echt – was wiederum die Frage aufwirft, was der Begriff eigentlich beschreibt. Denn auf ihre Art „echt“ sind die Plastikvögel schließlich auch.

 Man ist gut beraten, die Bilder und Objekte, die erfrischend bunt durchmischt in der Villa, dem ehemaligen Pferdestall und der Galerie platziert sind, nicht ausschließlich mit Blick auf wiedererkennbare filmische Folien zu betrachten. Sie haben auch so ihre Gültigkeit. Nicht jeder ist Cineast genug, um etwa Andrej Tarkowskis Stalker (1979) zu kennen, Inspirationsquelle für Armin Mühsams menschenleere, klinisch anmutende Stadtlandschaften, die in ihrer Verlorenheit an Edward Hopper erinnern. Leichter fällt der Rückschluss auf das Medium Film bei dem Hamburger Nils Kasiske. Seine Skulptur Cyborg sitzt reichlich ramponiert auf dem Parkett – eher ein Gestrandeter als ein mächtiger Avatar, dessen Funktionsdauer durch die klägliche Gestalt in Frage gestellt wird.

 Eine rein malerische Position steuert Gabriele Aulehla bei. Ihre abstrakten Bilder, in denen diffuse Lichtpunkte tanzen, gehören in das Zwischenreich der Überblendungen. „Mich interessieren Übergänge“, so die Frankfurterin, „denn die Wahrnehmung endet nicht an der Bildkante.“ Um Atmosphäre geht es bei dem Holländer Wim Bosch. Seine Gemälde von Häuserfassaden im Stile der 60er gaukeln bürgerliches Idyll vor. Doch unter der Oberfläche der Wohlanständigkeit deuten sich Abgründe an – David Lynch lässt grüßen. Spannend sind auch die Bildgeschichten, die Tina Winkhaus mit ihren spiegelnden Foto-Collagen erschafft. Der Betrachter sieht sich immer auch selbst in ihren düsteren Unterwelten, die mit der Ästhetik der Matrix-Filme spielen und raffinierte Zitate aus der Kunstgeschichte entdecken lassen.

 Viviane Gernaert gibt sich mit ihren dramatisch bewegten Skulpturen klar als Fan von Filmen mit ausgeprägten Kampfszenen zu erkennen. Tarantinos Kill Bill stand Pate bei der Rauminstallation Uma, eine Szenerie in entrücktem Weiß, die einen Moment nach einer Explosion einzufrieren scheint: Eine Frau fliegt rückwärts von einem geborstenen Stuhl, gleichzeitig geht ein windschiefer Tisch in die Knie. „Mich fasziniert die Idee, ein Bild, das ich anhalte, in den Raum zurückzubringen“, erzählt die Künstlerin aus Hamburg, die zugibt, dass Kraft und Gewalt Schlüsselreize für ihre Kunst sind. „Doch durch das ästhetisierte Weiß sind die Arbeiten zu lecker, um brutal zu wirken.“

Neumünster, Brachenfelder Straße 69. Bis 9. September. Mi-So 11-18, Sa + So 11-19 Uhr

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