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Mehr Politik als Party

Frittenbude in Kiel Mehr Politik als Party

„So da wie noch nie“ seien die Jungs von Frittenbude, verkünden sie nicht nur auf ihrem jüngsten Album „Küken des Orion“, sondern am Donnerstag auch in der fast ausverkauften Pumpe. Dass das weder Übertreibung, noch hip-hop-typisches Selbstlob-Marketing ist, erkennt man dort deutlicher als früher.

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„So da wie noch nie“ seien die Jungs von Frittenbude, verkünden sie nicht nur auf ihrem jüngsten Album „Küken des Orion“, sondern am Donnerstag auch in der fast ausverkauften Pumpe.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Zwar spielt das um Live-Drums und Keyboard erweiterte Trio gleich als zweiten Song die alte Spaß-Nummer „Hildegard“, in der sie einst Hilde Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ in „für mich soll’s heute Acid regnen“ umdichteten, und die alte wie auch neue Generation Rave antwortet beschwippst wie eh mit frentetischen „Acid! Acid! Acid!“-Rufen. Doch enthält das Knef-Lied ja auch noch die Zeile „soll sich die Welt bunter gestalten“, die Front-Rapper Johannes Rögner zwischen all den knarzenden und wummernden Party-Beats, die manchen vieldeutigen Reim im Keim des Rave ersticken, silbenplastisch herauspräpariert.
 
Dass die Reime bei den Ex-Niederbayern und nunmehr bekennenden Berlinern oft im allzu fetten Party-Gewitter frittiert würden, hat man ihnen oft vorgeworfen. Zu unrecht, denn „Rave ist kein Hobby“, wie ein Track des neuen Albums geradezu bekennt. Sondern eine – sagen wir ruhig – revolutionäre Jugend- und Gegenkultur, wenn man die Party entsprechend politisiert. Letzteres zuweilen sogar im Agit-P(r)op-Modus: „Wir brauchen jetzt alle eure Mittelfinger!“, fordert Rögner, wenn es an den nochmal um einige Kilowatt Rave aufgepimpten Track „Deutschland 500“ geht. Zum Refrain „Hallo Deutschland, du fühlst dich immer noch so deutsch an“, recken sich wie bestellt alle Stinkefinger in den Himmel über dem Dancefloor. Kein Wunder, denn nach dem willkommenskulturellen Party-Sommer sieht der deutsche Herbst so trübe aus wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ schon besungen und mit dem resignierenden Vers „Es ist wie es bleibt“ im neuen Song „Padmé“ bekräftigt.
 
„Wir sind die Clowns im Zirkus des Lebens, alle Träume ein Zelt und die Dompteure Propheten“, heißt es in „Wings“. Resigniert also der Rave und ist die ewige Party der „Army of Küken“ endgültig vorbei? Brauchen die Proleten wieder Propheten, das deutsche Michel-Murmeltier Dompteure, damit es sich nicht im vermeintlich zu schützenden Abendland auf rechten Abwegen verläuft? Als von Ravern zu Rappern gewandelte Diskurs-Popper – alles drei waren sie eigentlich schon immer, nur merkt man’s jetzt mehr – übernimmt das Trio mit seinem politisch gereiften Rave genau diese Rolle. Dass es dabei nicht bierernst, sondern -schwanger zugehen, dass auch die Party inklusive Crowdsurfing ein politisches Bewusstsein haben kann und damit ungemein gewinnt, bewies die Frittenbude in der Pumpe einem von solcher neuen Akzentsetzung durchweg begeisterten Publikum.

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