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„Früchte des Zorns“ eröffneten die Lessing-Tage

Hamburg „Früchte des Zorns“ eröffneten die Lessing-Tage

Betörend schlicht setzt Luk Perceval am Thalia Theater zur Eröffnung der Lessingtage seine Version von John Steinbecks wortmächtigem Pulitzer-Preis-gekrönten Roman Früchte des Zorns in Gang.

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Die Schauspieler (l-r) Maria Shulga (Rose), Rafael Stachowiak (Onkel Joan), Kristof Van Boven (Tom Joad), Marina Galic (Mutter Joad) und Nick Monu (Vater Joad) stehen auf der Bühne des Thalia Theaters.

Quelle: Christian Charisius/dpa

Hamburg. Erst hört man ein Stampfen, ein-, zweimal von Kristof van Boven gewaltsam in den Boden getreten. Dann geht die Bewegung in ein schnelles Trappeln über, fallen die anderen ein, steigern das Geräusch in ein süffig zuverlässiges Tuckern. So klingt es, wenn ein widerspenstiger Zweitakter angeworfen wird.

Eine amerikanische Migrationsgeschichte, erschienen 1939, in der es die von Armut und Missernten gebeutelten Bauern aus Oklahoma und Arkansas in der Zeit der großen Depression massenweise gen Westen treibt, nach Kalifornien, in das gelobte Land, wo es weiße Häuser gibt und überall Orangen. Auch die Joads ziehen los – mitsamt den gebrechlichen Großeltern, der schwangeren Tochter Rose, dem des Predigens müden Pfarrer Jim Casy und Sohn Tom, der gerade aus dem Knast gekommen ist. Eine illustre Truppe, die Luk Perceval mit sechs Schauspielern ebensovieler Nationalitäten und einer seltsam eckigen Kunstsprache zur Menschheitsfamilie zusammenzurrt – einigermaßen plakativ und dann doch überzeugend, wie sie da zerren und Halt suchen um eine riesige Plane, die alles sein kann: LKW, Lager, Rettungsleine.   

Der Regisseur, der die Romane der Weltliteratur fast schon serienweise auf die Bühne bringt, unter anderem Die Blechtrommel und jüngst den ersten Teil seiner Trilogie nach Emile Zola, zeigt die Welt als Getriebe - im besten Fall gleichmäßig schnurrend, öfter aber knarzend, hustend, stockend. Weil einer der Schrittmacher kaputtgeht oder ausschert; sich Onkel John in diffusen Schuldgefühlen verheddert oder Rose in ihrer wirren Selbstquälerei. Weil die Mechanik immer wieder stockt, zum Rasten oder zum Sterben.

Ein fantastisch wuchtiges Bild ist das, zumal auf der leeren, bis an die Brandwände aufgerissenen Bühne, auf die Bühnenbildnerin Annette Kurz unaufhörlich braun verdorrtes Laub regnen lässt in einem ewigen Herbst. Ein Bild, das immer wieder Gefahr läuft, sich in sich selbst zu erschöpfen. Aber dann funktioniert sie doch, diese Endlosschleife des Elends mit ihren Figuren wie in Becketts Endspielen. Und den Schauspielern gelingen einprägsame Miniaturen: der wuchtige Nick Monu, der als Vater Joad immer mal für Klartext sorgt. Rafael Stachowiak, dessen Onkel John so abstoßend und verloren zugleich wirkt. Marina Galic und Mariia Shulga, die als Mutter und Tochter Joad um Geburt und Tod ringen - die eine beharrlich im Glauben an ein gutes Ende, die andere gequälte Märtyrerin. Kristof van Boven ein misstrauisch lauernder Tom, und Bert Luppes ein Prediger, dem die Worte verloren gegangen sind.

Sie reden von Arbeit, Haus, Heimweh , Ankommen und Fremdsein, spinnen ihr Leid in lullige Standards wie Somewhere over the Rainbow, Summertime, My Baby don’t cares for me. Und auch, wenn sich ihre Reise im bewegten Stillstand festgefahren hat, ihr Elend immer schon da ist, wo sie ankommen: Weiter müssen sie trotzdem. So sind Percevals Figuren beides: Wirtschaftsflüchtlinge von Steinbeck bis in unsere Tage und ewige Wanderer im Getriebe des Lebens.

Thalia Theater Hamburg. Vorstellungen: 5., 13., 23., 25. Februar. Lessingtage bis 7. Februar. Karten: 040/33814444, www.thalia-theater.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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