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Bei sich angekommen

Die Kieler Ballettleitung zieht Bilanz Bei sich angekommen

Vieles hat sich entwickelt in den fünf Jahren: Heather Jurgensen und Yaroslav Ivanenko haben das Gefühl, dass ihre Compagnie zusammengewachsen ist.

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Bei der Probenarbeit im Ballettsaal: Heather Jurgensen und Yaroslav Ivanenko

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Heather Jurgensen ist immer noch beseelt vom Tanzabend in der Salzhalle: „Das ist einfach toll zu sehen, was mit so einer Truppe geht und wie sie sich entwickelt hat.“  Und Yaroslav Ivanenko, der zu der Zeit noch in Ankara choreografierte, stimmt zu: „Ich hatte lange das Gefühl: Wir stehen noch am Anfang, aber die Compagnie ist richtig gut zusammengewachsen.“

 Entspannt sitzt das Paar im Büro im Opernhaus, vor dem die Sonne den Kleinen Kiel beleuchtet. Die zweite große Premiere der Saison steht kurz bevor; die Spielzeit 2016/17 steht auch. Vor fünf Jahren starteten die beiden ehemaligen Neumeier-Tänzer ihr Ballett in Kiel. Es ging los mit Tschaikowskys Nussknacker, dem Ivanenko einen neuen Rahmen verpasste, neoklassisch bewegt und mit einem Schuss Disney. Es folgten Tschechows Drei Schwestern, ein schön aufgefrischter Schwanensee, ein wild bewegter Faust, Romeo und Julia und zuletzt ein interessant verdunkeltes Dornröschen. Das Experiment überlässt Ivanenko lieber den Gästen. Zuletzt Marguerite Doulon in Heroes-K. „Auch für die Tänzer ist es wichtig, viele Stile auszuprobieren“, sagt der Ballettchef, „wir müssen hier ja ein bisschen universell sein – von der Improvisation zu David Bowie bis zur Barockoper mit Lucinda Childs.“ Die Zusammenarbeit mit der Tanz-Ikone hat er genossen und freut sich schon auf die Fortsetzung mit Glucks Orpheus und Eurydike. Berührungsängste hat Ivanenko nicht, die Vielfalt der Stile soll unterschiedliche Gruppen ansprechen, mehr junges Publikum ins Ballett locken. „Ich frage mich immer: Warum gehen die eigentlich lieber ins Kino, wenn sie im Theater alles live haben können?“ So sah man den Tanz in den letzten Jahren zwischen Neoklassik und Experimentierlust entspannter, auch mutiger werden – und einen Ballettchef, der sich zusehends freischwamm. „Vor der Zeit in Kiel habe ich tatsächlich experimenteller gearbeitet“, sagt er, „aber hier habe ich gemerkt, dass ich Geschichten erzählen will. Da sind erstmal alle Stile möglich, denn zuallererst interessiert mich die Frage: Was können wir mit welchen Schritten erzählen?“ Das klingt, als wäre hier jemand bei sich angekommen.

 Der gebürtige Ukrainer ist als Choreograf für die künstlerische Linie am Ballett Kiel zuständig, Heather Jurgensen als Ballettmeisterin und stellvertretende Leiterin für die Umsetzung. „Für das Konzept ist er allein verantwortlich“, sagt sie. „Und wenn er mich fragt, was hältst Du eigentlich von …, dann ist die Entscheidung meist auch schon gefallen.“ Was ihrem Mann ein Lächeln entlockt: „Aber ich brauche ihre Rückmeldung …“

 Natürlich diskutieren die beiden Ideen und Stoffe: „Die Arbeit hört ja nicht auf, wenn wir hier rausgehen. Das geht zu Hause in der Küche weiter.“ Auch im Ballettsaal arbeiten sie oft zusammen. „Ich habe dabei viel gelernt“, sagt Heather Jurgensen, „ich bin ja keine Choreologin, hatte auch mit Improvisation überhaupt keine Erfahrung. Aber mittlerweile habe ich mein eigenes System entwickelt, die Schritte und Bewegungen zu notieren.“

 Auch anderes hat sich eingespielt, die Abläufe sind vertrauter, die Tänzer sicherer geworden. Jurgensen und Ivanenko haben mit der Theaterleitung die Ballettakademie angestoßen, und immer öfter kommen Anfragen von Choreografen, die mit der Kieler Compagnie arbeiten möchten. „Je mehr Gäste, desto besser“, sagt Jurgensen, „das kann auch mal schief gehen – auch eine Erfahrung. Man darf nicht stehenbleiben, sonst geht man rückwärts.“

 Sie sehen die Dinge lockerer nach fünf Jahren: „Wir sind sehr dankbar für die tolle Aufgabe und das Team“, sagen sie. Einen Traum hat Ivanenko aber doch: „Mit 30 Leuten würde es zwar eng im Ballettsaal. Aber es wäre schon toll, ein paar mehr Tänzer zu haben.“

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