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Reiche Beschwörungen im Gedenkjahr

Reger-Nacht Kiel Reiche Beschwörungen im Gedenkjahr

Da wäre der ebenso humorvolle wie labile Gemütsmensch und geniale Notentürmer Max Reger bestimmt glücklich gewesen: In Kiel, wo sein Freund und wichtigster Fürsprecher Fritz Stein als Kantor und Generalmusikdirektor wirkte, beackerte die „Reger-Nacht“, koordiniert von den Musikfreunden gleich in drei Kirchen das weite Feld seines Schaffens.

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Inspirierte Schöpferkräfte

Der Madrigalchor Kiel unter Friederike Woebcken in der Ansgarkirche.

Quelle: Musikfreunde Kiel

Kiel. Obwohl die Extremansprüche der Werke stets neben hinreißenden Minuten auch böse Viertelstunden der Überforderung bereiten können, überwogen für den aufgeschlossenen Hörer die Aha-Effekte im kontrastreichen Angebot. Schon die jeweils zuständigen Organisten brachten ihre Instrumente mit drei überkonfessionellen Meilensteinen der Orgelkunst voll in Wallung. Andreas Koller beleuchtete in der gut besuchten Ansgarkirche das Changieren zwischen Mystik und Prägnanz der vier, von allen Seiten harmonisch ausgedeuteten Tonbuchstaben B-A-C-H in der berühmten Orgelphantasie und Fuge b-Moll op. 46. Werner Parecker zeigte seinerseits Sinn für die fast psychedelisch weihräuchernden Bewusstseinsweitungen in Introduktion, Passacaglia und Fuge e-Moll op. 127. Und Volkmar Zehner ließ kurz vor dem Reformationsjubiläum in brausender Klangpracht keinen Zweifel an der Glaubensgewissheit in der Choralfantasie Ein feste Burg ist unser Gott op. 27.

Woher Regers Kunst rührt, zeigte sich an Bezügen zu Bach, zu Hugo Wolf (Lieder mit Orgel: Sopranistin Dörte Blase) und zu Brahms. Letzterer stand unüberhörbar für den jungen Komponisten Pate: Der Geiger Maximilian Lohse, die Bratschistin Marie Yamanaka und die Pianistin Sofja Gülbadamova entschlüsselten das im frühen Klaviertrio op. 2 exemplarisch und betörten mit intim naturtönenden Passagen.

Gülbadamova war am Steinway-Flügel dann auch sensible Mitträgerin sanft leuchtender Vokalensemble-Exkurse: Friederike Woebckens Madrigalchor Kiel glitt schwere- und schlackenlos durch Regers nachtschattige Drei Chöre op. 6, die gerade im stimmigen Gegenschnitt mit Wilhelm Stenhammars aus derselben Epoche stammendem Varnatt gewichtiger und seriöser durchdacht wirkten.

Dass Bernhard Emmers universitäres Vokalensemble da zum Beispiel in Sachen Intonationsgenauigkeit nicht ganz heranreichte, wird niemanden überrascht haben, doch zauberte Regers Choralkantate Meinen Jesum lass ich nicht, eingefasst in Cavaillé-Coll-Orgelmixturen (Volkmar Zehner) und das innige Duett von Violine und Viola (Nora Piske-Förster und Marie Yamanaka), einmal mehr Atmosphäre ins Kieler Reger-Jahr. 

Wer die (zu) spät begonnene Fünf-Stunden-Hommage bis weit nach Mitternacht durchhielt, erlebte ganz zum Schluss noch einen einsamen Höhepunkt: Frauke Rottler-Viain, die in der Rathausstraße zuvor schon mit ihren Streicher-Kolleginnen Su-Yun Lee und Marie Yamanaka die erstaunlich leichtfüßigen Pointen im Trio a-Moll op.77b herausgekitzelt hatte, versenkte sich am Alten Markt tief in die Bach weiterdenkende d-Moll-Solosuite op. 131c, brachte sie mit strömendem Legato von innen heraus zum Glühen. Da schien Regers Geist endgültig beschworen.

Nächste Reger-Konzerte in Kiel: 6. November, 17 Uhr, St. Heinrich (mit Rainer Michael Munz, Orgel) sowie 20 Uhr, St. Nikolai (mit Edgar Krapp, Orgel); 13. November, 17 Uhr. St. Nikolai (Psalmen mit dem Nikolaichor); 19. und 20. November, 19 und 17 Uhr, Ansgarkirche (Chorwerke mit der Schütz-Kantorei), 4. Dezember, 12 Uhr, Audimax der CAU (Abschluss-Matinee des Regerjahres).

www.reger-kiel2016.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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