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Calderons Suche nach der richtigen Sprache

Kieler Philharmoniker Calderons Suche nach der richtigen Sprache

„Wenn man die Kultur von innen heraus kennt, versteht man die Leute besser“, erklärt der Dirigent Rani Calderon seinen unbedingten Drang, möglichst viele relevante Sprachen fließend zu beherrschen. Er ist zur Zeit Gastdirigent der Kieler Philharmoniker.

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Rani Calderon ist GMD von Nancy und hatte sich schon in der Kieler „Carmen“-Produktion bestens eingeführt.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Schon bei den Proben zur Kieler Carmen-Produktion war frappierend aufgefallen, dass der Gast aus Israel mit den internationalen Ensemblemitgliedern im Opernhaus individuell in ihrer jeweiligen Heimatsprache kommunizierte. „Ich habe mich schon mit 14 für den Dirigentenberuf entschieden, obwohl ich nicht aus einer musikalischen Familie stamme. Und ich wusste früh, dass ich Französisch, Deutsch und Italienisch können wollte – nicht nur wegen der Oper, sondern als Zentren europäischer Kultur“, so Calderon. Englisch und Hebräisch waren in Israel ohnehin eine Selbstverständlichkeit. „Und dann habe ich mich in die russische Kultur verliebt. Sie ist unglaublich schön und ganz andersartig. Puschkin auf Russisch lesen zu können, ist wunderbar: Er schreibt so einfach, wie ein Mozart der Literatur. Und danach hatte ich ein ganz neues Verständnis für die Figur, wenn ich die Arie des Lensky dirigiert habe.“

 Derzeit paukt der amtierende Generalmusikdirektor von Nancy französische Grammatik, frisst sich durch die Geschichtsbücher der Grand Nation und verschlingt die Elaborate ihrer größten Autoren. „Wenn ich mal GMD in Deutschland werden sollte, läuft das genauso: Thomas Mann auf Deutsch – das ist es!“ Man sei ja in dieser Funktion nicht nur der Erste Dirigent, sondern im wahrsten Sinne auch Musikdirektor: „Zum Beispiel gilt es, den Dialog mit dem Publikum wirklich gekonnt hinzubekommen.“

 In Lothringen hat er gerade mit der Saisoneröffnung ein Zeichen der gebündelten Kräfte der Oper gesetzt, indem er sein Orchestre symphonique et lyrique de Nancy mit den Chören zu Mozarts Requiem zusammengeführt hat. „Ein tiefes und schönes Erlebnis ...“, verzeichnet der durchtrainiert wirkende Kapellmeister. Nach unbekannten Opern von Rachmaninow (Aleko, Francesca da Rimini) hat er den Goldenen Hahn von Rimsky-Korssakow auf den Spielplan gesetzt. Außerdem will er sein „Lieblingsstück“ realisieren, Strauss’ Ariadne auf Naxos, bei dessen israelischer Erstaufführung er am Klavier von Zubin Mehtas Orchester saß. Ansonsten möchte er in Nancy das französische Repertoire wiederbeleben. „Schwer zu sagen, was der klangästhetische Unterschied der Ensembles in Frankreich ist. Wahrscheinlich die ’Clarté’, weniger Wärme, dafür mehr individuelle Artikulation, mehr Champagner. Die Revolution sitzt noch tief in der Mentalität: Man will keine gehorsame Gruppe sein, sondern jeweils selber etwas zu sagen haben ...“

 In den Kieler Konzerten widmet sich der Russisch-Fan nun erstmals dem großen Mahler-Nachfolger Dmitri Schostakowitsch, begeistert sich für dessen klassisches Formgefühl, mit dem Klangkörper umzugehen wie Picasso mit einer Skulptur. In der Zehnten Symphonie erscheine die übliche Wiederaufnahme des Hauptthemas zwar „angestrengt“ um einen Halbton höher, von e-Moll nach f-Moll gerückt, sie bleibe aber im Kern klassisch. Man könne das alles „nicht wie Haydn spielen, aber wie Haydn denken“. Von inhaltsschweren Interpretationen hält Calderon nicht viel: „Es schränkt das Wahrnehmungsfeld ein, wenn ich die Symphonie auf Stalins Tod beziehe. Ich bewundere Brahms und Chopin gerade deshalb, weil die nie erklären wollen, worum sich ihre Musik dreht.

 Der 1972 geborene Gastdirigent plant mit einer Konzertouvertüre von Edvard Grieg und Sibelius’ berühmten Violinkonzert einen „nordischen“ Zirkelschlag. Dabei freut er sich auf den hoch gehandelten Solisten Marc Bouchkov: „Gerade für das Sibelius-Konzert braucht man unbedingt einen starken Solisten mit sehr, sehr viel Persönlichkeit.“ Die Sprache des belgischen Geigers beherrscht er ja schon fast perfekt.

Philharmonische Konzerte am So 23. Oktober, 11 Uhr, und Mo 24. Oktober, 20 Uhr, im Kieler Schloss. Einführung 45 Minuten vor Beginn. Karten: 0431 / 901 901.

www.musikfreunde-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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