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Licht auf den Flügeln

Windräder als temporäre Kunstwerke Licht auf den Flügeln

„Jede blinkt anders“, sagt Gisela Meyer-Hahn, „und ich habe mich mit der Erscheinung dieser blinkenden, rauschenden Architekturen als Künstlerin auseinandergesetzt.“ Die Rede ist von Windkraftanlagen – die 64-jährige Pinneberger Künstlerin ist mit ihrem Unbehagen nicht allein.

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„Das Licht ist mein Orchester“: Gisela Meyer-Hahns Projekt 2014 im Windpark Uetersen.

Quelle: gmh/hfr

Pinneberg/Kiel. Die Dauerblinker, die Kollisionen mit Flugzeugen oder in Küstennähe mit Schiffen verhindern sollen, sind auch für die Windkrafttechnologie längst zur Herausforderung geworden. So wird auch für Windparks in Schleswig-Holstein an neuen Techniken gearbeitet, die Lichtemissionen auf ein Mindestmaß reduzieren könnten. „Bedarfsgerecht“ lautet das Zauberwort in der Branche, das allerdings nur bei großen Anlagen zur Anwendung käme und die Akzeptanz erhöhen soll. Flächendeckend wird also weitergeblinkt.

 Vor zwei Jahren realisierte Gisela Meyer-Hahn ihre erste Lichtinszenierung im Windpark Uetersen – sozusagen vor ihrer Haustür. Dort stehen sechs Windräder, von denen drei im August 2014 vier Tage und Nächte lang in farbiges Licht getaucht wurden, das unmerklich seine Farbe veränderte. Gisela Meyer-Hahn beschreibt die Wirkung als Intervall. „Für mich atmet das“, sagt sie über ihr Farbsystem, das sie am Computer entwickelt und programmiert. „Die 64 zur Verfügung stehenden Farben kann ich weiter und weiter mischen und somit ausdifferenzieren“, sagt sie, „und an Lichtstimmung und Wetter anpassen.“ So ergeben sich 4500 Farbnuancen, die „man nicht sieht, aber spürt“. Drei hoch energieeffiziente Spezialscheinwerfer pro Turm braucht es für das Lichtspektakel, das für Vögel im Gegensatz zum nächtlichen Geblinke offenbar ungefährlich sei – bei denkbar geringem Energieverbrauch: Etwa ein Euro pro Nacht und Turm, schätzt die Künstlerin.

 Windkraft ist ein Reizthema: Damals in Uetersen hätten die Gegner prompt auf der Matte gestanden, sagt Gisela Meyer-Hahn. Man befürchtete offenbar, dass die Kunstaktion den Weg für die geplante Aufrüstung der Anlage ebnen sollte. Das Repowering, also die Erhöhung der Masten von 100 auf 200 Meter, wurde abgewendet, die Kunstaktion fand dennoch statt und gab laut Aussage der Künstlerin kaum Anlass zur Kritik, im Gegenteil.

 Gisela Meyer-Hahn möchte nicht missverstanden oder politisch vereinnahmt werden. Ihr geht es um Sinneswahrnehmung, aber nicht darum, ein durch Windräder verstelltes Landschaftsbild mit künstlerischen Mitteln kosmetisch zu korrigieren. Nein, sagt sie, sie nutze ihr Konzept nicht zur Bespaßung solcher Anlagen, nicht als Verharmlosung, sondern eben als Beitrag, sich mit bereits gebauter Umwelt intensiver und sensibler auseinanderzusetzen.

 Nach der Premiere in Uetersen realisierte Gisela Meyer-Hahn drei weitere Projekte in Dithmarschen. Bei einer Aktion in der Nähe von Marne stand die Künstlerin an einem regnerischen Abend in der Dunkelheit, als ein Radfahrer vorbeikam, der sich als Landwirt aus der Nähe vorstellte. Die Künstlerin war auf Gegenwehr gefasst, als der Mann ihr eröffnete, dass er eigens für die Dauer der Aktion sein Bett vors Fenster gerückt habe. Wunderbar sei das, sagte er, wie ein Blumenstrauß.

 Inzwischen gibt Gisela Meyer-Hahn ihre Erfahrungen weiter. Auf den Windmessen und zuletzt im Oktober des vergangenen Jahres auf einer internationalen Farbkonferenz in Santiago de Chile, wohin sie dank einer Reisekosten-Unterstützung des schleswig-holsteinischen Kulturministeriums einen Vortrag halten konnte.

 Windräder in farbiges Licht zu tauchen, ist aber nur eine Seite der künstlerischen Arbeit der freischaffenden Künstlerin, die nach ihrem Designstudium zunächst architekturbezogene Raumprojekte realisierte. In diesem Jahr stehen Projekte in Neumünster (Museum Tuch & Technik) und in der Kulturkirche Bremen an. Morgen, am 3. Februar, wird in der St. Lorenz-Kirche in Travemünde gemeinsam mit dem Cellisten Sonny Thet ein Farblichtkonzert aufgeführt. „Das Licht ist mein Orchester“, sagt Gisela Meyer-Hahn und schaut selbst ein wenig verwundert auf den Stellenwert, den das Medium für ihre künstlerische Arbeit inzwischen genommen hat: „Verrückt, aber da bin ich nun heute.“

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