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Glanzvolle Eröffnung

Göttinger Händel Festspiele Glanzvolle Eröffnung

Bei den diesjährigen Internationalen Händel Festspielen Göttingen steht die Oper Agrippina im Mittelpunkt, jenes dreiaktige „Dramma per musica“ also, das durch seine Intrigen und Verschwörungen jedweder Art, durch seine rasante Mischung von Kabale und Liebe uns Heutigen durch Soap Operas wie Denver Clan oder Sex and the City recht aktuell erscheinen mag.

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Händels herrliche Beziehungsdramen: Agrippina in Göttingen.

Quelle: Alciro Theodoro da Silva

Göttingen. Allerdings hätte die schockierende Vita der historische Agrippina, die übrigens als Gründerin Kölns gilt, Stoff für gleich ein ganzes Dutzend Opern geliefert: Von ihrem Bruder, dem Kaiser Caligula, wurde sie zunächst als Göttin verehrt und dann auf eine einsame Insel verbannt. Sie vergiftete ihren zweiten Gatten, um ihren Onkel, den Kaiser Claudius, zu heiraten, vergiftete auch diesen, damit sie ihrem Sohn Nero aus erster Ehe auf den Thron verhelfen konnte und wurde dann von diesem im Jahre 59 umgebracht. Händel, dessen europäische Karriere als Opernkomponist 1709 in Venedig mit Agrippina begann, hat sich auf die Intrigen um die Thronbesteigung Neros beschränkt und lässt die Oper – wie könnte es im Barock anders sein? – glücklich enden.

 Der britische Regisseur Laurence Dale hat offensichtlich großen Gefallen an der Inszenierung dieser haarsträubenden Geschichte um die machthungrige Intrigantin Agrippina gefunden, von der er sagt, sie sei „furchtbar, so böse, so unmenschlich, aber als Figur fantastisch.“ Eine golden schimmernde Säule, ein Thron, ein Bett, transparente Wände und große Spiegel reichen ihm und seinem Bühnenbildner Tom Schenk, um die quirlige Handlung effektvoll auf die Bühne zu bringen.

 Die stets in würdevollem Schwarz gekleidete Agrippina ist vernarrt in ihren Sohn Nerone, den sie in inzestuöser Liebe betätschelt und küsst. Jedes Mittel ist ihr recht, um aus ihm einen Cäsar zu machen. Es scheint sie nicht zu stören, dass dieser affig gekleidete, übermäßig eitle Mann in jeder Beziehung ein Versager ist. Dass er es auch in sexueller Hinsicht ist, zeigt Laurence Dale, wenn Nerone ein Tête-à-tête mit Poppea plant und sich vorsichtshalber schon mal mit einem Dildo ausrüstet. In einer grotesken und höchst amüsanten Szene nähert er sich der Geliebten auf linkische Weise, muss sich aber zurückziehen, als Kaiser Claudio ebenfalls um Poppea buhlt und dann auch mit diesem Dildo herumhantiert. Köstlich, wie dieses Potenzsymbol bis zum Schluss in der einen oder anderen Männerhand zu sehen ist. Überhaupt: Dale hat viel beißende Ironie und frechen Humor in Libretto und Partitur gefunden und bebildert das entsprechend grandios.

 Dale steht ein stimmlich wie darstellerisch exzellentes Sängerensemble zur Verfügung, mit dem er seine Ideen nahtlos verwirklichen kann: Ulrike Schneider (Mezzosopran) in der Titelpartie ist eine eiskalte Intrigantin und Ida Falk Winland (Sopran) als Popea eine nicht minder gerissene und mit allen Wassern gewaschene, gut aussehende Frau. Abstoßender und niederträchtiger kann man Nerone wohl nicht darstellen als Jake Arditti (Countertenor) das tut. Eine phantastische Leistung, die noch lange im Gedächtnis bleiben wird! Christopher Ainslie als Ottone ist die einzige aufrechte und ehrliche Lichtgestalt in diesem dekadenten Politsumpf – mit seinem herrlich runden, wohltönenden Countertenor bringt er das bestens zur Geltung. Kaiser Claudio wird von João Fernandes (Bass) stimmgewaltig und höchst subtil charakterisiert.

 Das Festspielorchester Göttingen spielt unter der bewährten Leitung von Laurence Cummings. Phantastisch, mit welchem Drive und mit welch ausgeprägtem Sinn für Dramatik und den natürlichen Fluss Händel'scher Musik er viereinhalb Stunden für Spannung sogt. Das Publikum bedankte sich bei allen Mitwirkenden mit nicht enden wollenden Ovationen.

 Die Händel Festival Göttingen dauern noch bis zum 25. Mai. Weitere Aufführungen der „Agrippina“: 22., 24. und 25. Mai / Familienfassung: 24. Mai / www.haendel-festspiele.de

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