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Goethes eiserne Hand

Landestheater Schleswig-Holstein Goethes eiserne Hand

Goethes Götz im Goldrahmen: Die sehr dichte, spannungsreiche, gar witzige, zuweilen vielleicht zu überspitze Inszenierung von Thomas Oliver Niehaus erntete am Landestheater in Rendsburg zu Recht großen Beifall.

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Starke Worte: Elisabeth (Ingeborg Losch, li.), Ritter Götz (Uwe Kramer) und Adelheid von Walldorf (Manja Haueis, re.).

Quelle: Landestheater

Rendsburg. Rendsburg. Bei seinem Erscheinen fiel Johann Wolfgang Goethes Schauspiel Götz von Berlichingen aus dem Rahmen. Formal weil die Geschichte durch den dramaturgisch kühnen Verzicht der Einheit von Ort, Handlung und Zeit erhebliche und bis dahin kaum gekannte Anforderungen ans Publikum stellte. Inhaltlich durch den mutigen Konflikt traditioneller Vorstellungen vom freien Rittertum und den abstrakten Rechtsnormen einer höfischen Gesellschaftsstruktur.

 So ergibt es Sinn, dass ein riesiger Goldrahmen im Hintergrund die Szene auf der Bühne des Landestheaters Rendsburg eingrenzt. Die sehr dichte, spannungsreiche, gar witzige, zuweilen vielleicht zu überspitze Inszenierung von Thomas Oliver Niehaus erntete dort am Wochenende zu Recht großen Beifall.

 Statt einer Inhaltsangabe: Das Drama beackert verschiedene Spannungsfelder. Der von Uwe Kramer mit viel Eifer, Macht, Vitalität und einem angemessenen Stück Gebrochenheit auf die Bühne geworfene Ritter Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand verkörpert das mittelalterliche Ideal des ungebrochenen Freiheitskämpfers „des sich als autonom empfindenden Selbsthelfers“ Dagegen stehen die vom „egoistischen Kalkül, von Heuchelei und Vorteilsnahme bestimmten Verhältnisse am Bamberger Hof.“ (Kindlers Neues Literatur Lexikon). Insbesondere repräsentiert von den zwei anderen Hauptfiguren des Stücks: Dem von René Rollin exzellent verkörperten verräterischen, wankelmütigen, schwachen Karrieristen Weislingen. Und der attraktiven, verführerisch-starken aber intriganten Adelheid von Walldorf, der Manja Haueis eine faszinierende Gestalt gibt.

 Daneben glänzt in diesem Kampf des Individuums gegen die normierte und normierende Staatsgewalt ein furioses Ensemble, das in beeindrucken Soli und Mehrfachrollen die vielen wichtigen Nebenfiguren (Bauern, Mörder Kläger, Geistliche Fürsten, den Kaiser...) zum Leben erweckt und das Konzept des Abends damit erst tragfähig macht.

 Mit einem cleveren Trick nämlich geben Regisseur Niehaus und Ausstatterin Lucia Becker Goethes vertrackter Dramaturgie Gestalt. Bei einer Tischgesellschaft versammeln sich alle Figuren, um Götz zu beschwören und sich dann je nach Lage der Dinge links und rechts von ihm als Freund oder Feind zu positionieren. Weil Götz zwar aus dem Rahmen, nicht aber aus der Zeit fällt, tritt er zu Beginn noch als Ritter auf, später als Wiedergänger Goethes, danach mit Augenklappe als an Hitler Attentäter Stauffenberg angelegter Wehrmachtsoffizier und schließlich als Zeitgenosse, dem es nicht gelingen will, seine Memoiren zu schreiben. Und das ist der Punkt. Trotz viel ironisierendem Gesang (Element of Crime, Grönemeyer), einigem Slapstick und humoristischen Einlagen (auch das berühmte „Er kann mich im Arsche lecken!“-Zitat wird genüsslich zelebriert), erzählt diese Inszenierung vom großen Scheitern. Der Freiheitskämpfer mit der eisernen Hand beißt sich die Zähne aus an einer Gesellschaft, der ganz sicher auch keine rosigen Zeiten bevorstehen. Ziemlich aktuell.

 www.sh-landestheater.de

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