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Was sich dem Material entlocken lässt

Andreas Neuffer im „Atelier“ von Birgit Brab Was sich dem Material entlocken lässt

Das Kleid sieht aus, als hätte seine Trägerin sich soeben in Luft aufgelöst. Die Konturen sind noch da, werfen hier eine Falte und lassen dort eine Rundung erahnen, doch der Körper selbst ist unsichtbar. Zuflüchtig nennt Andreas Neuffer seine grafischen Arbeiten, die so luftig-leicht wie hingehaucht in Birgit Brabs Galerie „Das Atelier“ hängen.

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Nur noch die Konturen lassen die Trägerin erahnen: Andreas Neuffer vor seiner Serie „Zuflüchtig“.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Mit der Fräse hat der in Hamburg lebende Künstler das Kleidermotiv in eine geweißte Spanplatte gezeichnet – die Spuren des Werkzeugs lassen das duftiges Gewebe in warmem Braun erscheinen.

 „Ich arbeite mit vorgefundenen Materialien zum Nulltarif. Ich finde sie, und sie finden mich“, so der 46-Jährige, der nach Abschluss einer Steinmetzlehre Freie Grafik an der Muthesius Kunsthochschule unter anderem bei Ekkehard Thieme studiert hat. In seiner Kunst geht es ihm immer (auch) um Materialerkundung, wobei seine lieblich-leichten Motive in einem krassen Gegensatz zum Arbeitsprozess stehen, der eine massive Verletzung der Oberfläche bedeutet. So hat er etwa eine Serie lichtflirrender Waldmotive nach fotografischen Vorlagen in geweißte Wellpappe und metallene Regalböden gefräst. „Vom Prozess her ist das ein wahres Gemetzel, bei dem es laut zugeht und bei dem die Späne fliegen“, sagt Neuffer. Er mag solche Spannungsfelder, zu denen auch der Gegensatz zwischen der „schnellen Fotografie“ und der – bei großen Formaten bis zu 80 Stunden dauernden – extrem langsamen Arbeitszeit gehört. Entschleunigung spiele da auch eine Rolle, so der Künstler, der für seine auf Fotos basierenden „Fräsungen“ eine ruhige Hand und viel Geduld aufbringen muss.

 In hohem Maße gilt das auch für die Bleistift- und Kugelschreiberzeichnungen, dicht an dicht, Linie für Linie akkurat waagerecht mithilfe eines Lineal aufs Papier gebracht. „Das sind schon einige Kilometer Linie“, schätzt Andreas Neuffer und lächelt versonnen. Horizont nennt er eine Serie in Schattierungen von Grün, deren landschaftliche Anmutung zum einen einer hölzernen Papierunterlage, zum anderen der schwächer werdenden Mine des Schreibgeräts zu verdanken ist. Wo viel Tinte ins Spiel kommt, schlägt das Blatt Wellen, droht einzureißen. Ein gestalterisches Moment, das Neuffer sich nur zu gern zunutze macht: „Ich schau immer, wie weit ich gehen und was ich dem Material entlocken kann.“

 Das Atelier, Jungfernstieg 24, Kiel. Eröffnung morgen, Freitag, 19 Uhr. Bis 4. November. Do, Fr, So 16-18 Uhr u. n. Vb. 0431/970247

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