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„Mit Tieren wollte ich immer zu tun haben“

Herbert Ostwald über Giraffen, Kühe und Tierfilme „Mit Tieren wollte ich immer zu tun haben“

Herbert Ostwald gehört zu den renommiertesten Naturfilmern in Deutschland. Beim Festival Green Screen, wo der Berliner (Jahrgang 1960) auch schon in der Jury saß, zeigt er jetzt seinen Film „Giraffen – Giganten hautnah“. Ein Gespräch über Tiere und wie man ihnen näher kommt.

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Regisseur Herbert Ostwald (li.) und Kameramann Erik Sick entdeckten die Giraffe auch vor den Hochhäusern Nairobis.

Quelle: terra mater / national geographic tv

Eckernförde. Sie zeigen bei „Green Screen“ einen Film über Giraffen. Sind das nicht eigentlich eher langweilige Tiere?

 Finde ich gar nicht. Sicher, die Giraffe ist per se ein Sympathieträger. Sie hat keine bösen Eigenschaften, sieht mit ihrem langen Hals ein wenig eigenartig aus und guckt immer etwas treudoof drein. Das hat auch etwas Komisches an sich – und nicht umsonst hat die Giraffe etliche Comic-Zeichner inspiriert. Aber das Vorurteil war dann die Herausforderung für den Film, der auch Comic-Sequenzen einbaut.

 

 Wo haben Sie gedreht?

 Wir haben in vier Ländern gedreht, Uganda, Kenia, Namibia und Südafrika. Wir wollten, dass die Giraffe auf verschiedenen Bühnen auftritt – vor der Hochhauskulisse der Großstadt Nairobi, auf den typischen Savannenbildern, aber auch in sandigen Wüsten.

 

 Was haben Sie entdeckt, das die Giraffe vom Vorurteil des Langweiligen befreit?

 Es ist ja oft so bei Tieren: Je länger man hinguckt, desto spannender werden sie. So stellt man bei den Giraffen fest, dass sie in starkem Kontakt zueinander stehen. Zum Beispiel haben wir gesehen, wie sich die erwachsenen Tiere im Dreieck aufstellen, um ihre Kinder in der Mitte zu schützen. Und wir gucken auf Details: Kann die Giraffe schwimmen? Und was macht sie, wenn es sie am Hals juckt?

 

 Was denn?

 Erstmal suchen sie sich einen Baum. Und wir haben tatsächlich gesehen, wie sich eine mit den Zähnen einen kleinen Ast anspitzt und den quasi als Q-Tipp benutzt.

 

 Sie haben Biber und Bären porträtiert, spüren heimischen wie exotischen Tieren nach. Haben Sie ein Lieblingstier?

 Ich habe ja Biologie studiert; von daher sind mir erstmal alle Tiere gleich lieb. Ich finde alles spannend, was kreucht und fleucht und wollte immer schon mit Tieren zu tun haben. Früher als Forscher oder Zoodirektor. Heute suche ich Geschichten, die aus dem Rahmen fallen. Ich will nicht den 100. Löwenfilm erzählen, sondern suche einen anderen Blickwinkel oder Tiere, die sonst zu kurz kommen. Wir haben auch Nacktmulle gefilmt und Hamsterratten, die in Afrika ausgebildet werden, Sprengstoff aufzuspüren. Die werden dann bei der Landminenräumung eingesetzt. Ich möchte also immer ein bisschen mehr erzählen als die reine Biologie.

 

 Welche Eigenschaften braucht eigentlich ein Tierfilmer?

 Ein biologisches Wissen – schon, weil er wissen muss, welche Tiere er wann wo antrifft. Neugier braucht man auch, Ausdauer und Beharrlichkeit … Und natürlich darf man sich nicht zu fein sein, mal zwei Wochen in der Wüste zu zelten anstatt in einer Lodge zu wohnen.

 

 Tieren vor der Kamera kann man ja keine Regieanweisungen geben – welche Rolle spielen Sie da als Regisseur?

 Nein, Tiere lesen keine Drehbücher. Man kann immer nur abschätzen, was eventuell passieren wird. Das ist oft eine reine Wunschliste. Tierfilm ist vor allem Teamarbeit, in der der Regisseur der Motor ist, der dafür sorgt, dass sich das Puzzle aus Bildern, Text, Musik und Story zusammensetzt. Und dann hoffentlich eine eigene Handschrift hat.

 

 Früher hing das Fernsehpublikum Pionieren wie Grzimek und Sielmann an den Lippen. Was hat sich seither verändert?

 Früher war vielleicht der Zeigefinger deutlicher. Heute hat man weniger Botschaft und der Fokus liegt eher auf den technischen Finessen. Da wird aus der Luft gefilmt, mit Action- und Nacht-Kamera. Es gibt eine Arche von rund 20 Tierarten, die immer wieder reproduziert werden. Das große vierbeinige pelzige Tier ist beliebter als ein kleiner Vogel. Aber es gibt auch Dokus wie die Netflix-Reportage über die letzten Gorillas, die von Leonardo di Caprio produziert wurde und die erzählt, was passiert, wenn der Bürgerkrieg bei den Tieren ankommt. So möchte ich auch Tiere und Natur stärker im Zusammenhang mit der Gesellschaft erzählen.

 Und welche Tiere beschäftigen Sie im nächsten Projekt?

 Wir arbeiten gerade an einem Film über die sogenannten Problemwölfe in der Lüneburger Heide. Und dann wollen wir etwas über die Kuh machen.

 

 Das ist ja sehr heimisch.

 Stimmt. Die Kuh ist so etwas wie unsere Kurzhalsgiraffe. Sie ist gutmütig, scheint ein bisschen doof zu sein und eigentlich mögen sie alle. Aber man sieht sie immer seltener draußen auf der Weide. Die Kuh ist heute eher Leistungsmaschine – wir aber wollen gucken, was die Kuh als Natur- und Herdentier auszeichnet. Ein Tier also, dem sich nicht jeder widmen würde – und genau das hat mich interessiert.

 „Giraffen“ bei „Green Screen“: Sa., 17. Sept., 10 Uhr, Galerie 66 (ausverkauft). Eckernförde.

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