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Grenzdrama mit Beethoven

Grenzdrama mit Beethoven

Am Ende zeigte sich das Publikum so meinungsfreudig wie selten. Viel Beifall für die Sänger, das Orchester und den Dirigenten, kräftige Buhs für das Regie-Team. Ein paar Premierengäste äußerten sich nach der Premiere von Ludwig van Beethovens Oper Fidelio in der Inszenierung von Waltraud Lehner aber doch: Die Aufführung sei statisch, das Personal stehe oft beschäftigungslos auf der Bühne herum.

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Statische Bilder der Abschottung: Schlussbild mit Jean-Noël Briend als Florestan und Yannick-Muriel Noah als Leonore (oben).

Quelle: Foto: Jochen Quast

Lübeck. So unrecht hatten die Zuschauer-Kritiker nicht. Lehner bietet keine Action. Sie erzählt in Bildern die Geschichte von Leonore, die sich als Mann (Fidelio) verkleidet ins Gefängnis einschleicht, um ihren in Einzelhaft einsitzenden Mann zu befreien. Wenn der Vorhang sich nach der Ouvertüre hebt, dann befindet man sich mitten in einem Militärcamp, umschlossen von einem hohen Zaun. Auf Wüstensand steht ein Soldaten-Zelt, davor lümmeln sich Marcelline, die Tochter des Gefängnischefs – auch sie militärisch gewandet –, und ihr Verehrer Jaquino, der allerdings wie ein Hippie-Musiker ausstaffiert ist. Dieser abgewiesene Galan greift zuweilen zur E-Gitarre, um Störsignale in den Beethoven-Wohlklang einzustreuen. Fidelio, eine ebenfalls uniformierte Figur, hält sich scheu im Hintergrund, als fürchte sie, erkannt zu werden.

Der Regie ist es sehr ernst mit ihrer Botschaft. Ihr geht es um die Frage, wer drin ist, wer draußen bleiben muss, wer hereingelassen wird. Wenn der Chor der Gefangenen durch die Grenzanlagen gelassen wird, um etwas Wasser zu bekommen, dann stellt dieser Akt der Humanität geradezu eine Rebellion gegen die Obrigkeit dar.

Zuweilen sträubt sich das Libretto gegen die Bilder, die Waltrud Lehner gemeinsam mit ihrem Bühnenbildner Ulrich Frommhold und ihrer Kostümbildnerin Katharina Kopp aufblättert: Wenn ein Leichensack für den Häftling Florestan ausgerollt und kein Grab geschaufelt wird; wenn sich Marcelline verbal zu Fidelio bekennt, sich aber backfischhaft mit Jaquino verlustiert. Florestan wird schon am Ende des ersten Akts präsentiert: Das Zelt dreht sich und gibt den Blick frei auf ein Folteropfer, das an einen Bass-Lautsprecher gefesselt ist, auf dem Jaquino seine E-Gitarre malträtiert. Dass Florestan als Whistleblower eingekerkert wurde, erfährt man dann nach der Pause.

Ach ja, die Musik spielt dann doch neben den lesbaren und rätselhaften Bildideen (aus einer aufgehängten Plastikflasche rieselt kontinuierlich Sand) eine Hauptrolle. Beeindruckend der Sopran der gebürtigen Madegassin Yannick-Muriel Noah, sie setzt ihre voluminöse Stimme effektvoll ein. Neben ihr klingt die heimische Kraft Andrea Stadel als Marzelline fast dünnbrüstig, aber sehr jugendlich. Bariton Joachim Glotz übertreibt als Bösewicht Don Pizarro das Diabolische in Stimme und Auftritt nicht, sondern erscheint als kühl berechnender Despot. Jean-Noël Briend hat als Florestan einen strahlenden Tenor, der aber oft metallisch klirrt. Bass Taras Konoshchenko glänzt als Kerkermeister.

Die Philharmoniker begleiten unaufdringlich. Bei der Ouvertüre hakte es noch da und dort, doch schnell folgten sie Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri und entwickelten einen feinen Beethoven-Sound, auch wenn der Dirigent zuweilen zu sehr aufs Tempo drückte.

Das Schlussbild hat es noch einmal in sich: Wenn Florestan durch Leonore befreit ist, erklimmen bunte Gestalten den Grenzzaun. Der Chor der guten Bürger aber wendet sich gegen die Eindringlinge! Man kann gewiss streiten über die Bild gewordenen Ansichten von Lehner. Doch selten enthielt eine Operninszenierung so viel Aktualität.

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Ein Artikel von
Michael Berger

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