21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Vorgänger und Nachfolger

Grigory Sokolov beim SHMF 2015 Vorgänger und Nachfolger

Vielschichtige Lesart: Grigory Sokolov hat einen großen Festivalabend im Kieler Schloss. Er ist ohne Zweifel einer der größten Klavierspieler der Gegenwart.

Voriger Artikel
Unter Freunden
Nächster Artikel
Tanz mit Hand und Kopf

Grigory Sokolov hatte zum Ende des Konzertes noch genug Energie für zahlreiche Zugaben.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Das Halbdunkel, in dem Grigory Sokolov heute seine Soloabende gibt, erzeugt eine Atmosphäre, wie sie zuletzt auf den Konzerten Svjatoslav Richters zu erleben war. Im Gegensatz zu diesem benötigt der 65-Jährige allerdings noch nicht einmal eine Leselampe, denn er spielt ohne Noten. Im ausverkauften Kieler Schloss stellt sich am Sonntag der Eindruck ein, dass hier ein Künstler so allein wie möglich bleiben möchte, während er sich seinen Zuhörern zugleich vollkommen offenbart. Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825 ist der erste Programmpunkt des Abends. Sokolov vollbringt bei ihrer Interpretation das Kunststück, den Geist des Klavier- mit dem des Cembalospiels zu verbinden. Ihre sieben Sätze fließen sanft und lieblich ineinander. Streckenweise wirken sie regelrecht verspielt, wie man sie eben nur auf einem Flügel darstellen kann. Zugleich aber bleiben alle Stränge blitzsauber voneinander getrennt und vervollständigen sich gegenseitig in einer Klarheit, die an die Zupfarbeit der Federkiele erinnert. Auf diese Weise legt der Pianist die große Poesie der Partita frei, während parallel die Bachsche Mathematik den Ton angibt.

 Sokolovs Ruf als einer der größten Klavierspieler der Gegenwart beruht wesentlich auf seiner Fähigkeit, in den gewählten Werken einen neuen Reichtum zu entdecken, sie dabei aber gewissermaßen in die eigene Welt zu überführen. Auch seine Lesart von Ludwig van Beethovens Sonate D-Dur op. 10 Nr. 3 fasziniert durch ihre Vielschichtigkeit. Er präsentiert sich zum einen als abgeklärter Exeget, lässt die Töne im Largo e mesto im Nichts verklingen, so dass die Zeit stillzustehen scheint. In den Folgesätzen jedoch erlöst er den Hörer, indem er immer wieder Wucht und zuweilen auch etwas Pranke ins Spiel kommen lässt.

 So geht man fasziniert und auch ein wenig perplex in die Pause. Nein, in Sachen musikalischer Dramatik und Virilität blieb hier nichts zu wünschen übrig. Aber andererseits könnte man in diesem Beethoven auch eine Vorbereitung der Schubert-Hälfte des Abends erkennen, die nach der Pause folgt. Dazu passt, dass Sokolov diese ganz aus einem Guss gestaltet, sich von einer ebenso empfindsamen wie akzentuierten Darstellung der Sonate a-Moll op. 143 D 784 über den Applaus hinweg direkt in die Moments musicaux op. 94 D 780 hineinwirft. Die sechs Stücke erscheinen hier untereinander ebenso verzahnt wie mit dem Gesamtprogramm, wenn er beispielsweise im von Bach inspirierten Moderato erneut an seine Spielart der Partita anknüpft. Dass auch die größten Komponisten immer nur Vorgänger und Nachfolger sind, ist daher eine Erkenntnis, die sein Auftritt aufs Eindrucksvollste unterstreicht.

 Das Publikum reagiert enthusiastisch und der Meister wie gewohnt. Grigory Sokolovs endlose Zugaben: Das ist der Pralinenwagen, von dem man nach dem Menü noch nimmt, obwohl man schon übersatt ist. Er ist an diesem Abend vor allem gefüllt mit wunderbar dämmrigen Chopin-Mazurken.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3