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Humor beim Lucerne Festival 2015

Große Orchester im Mittelpunkt Humor beim Lucerne Festival 2015

Längst bieten Musikfestivals jährliche Schwerpunkte, um Spannung aufzubauen. So hat das SHMF nach Länderprogrammen nun Komponisten-Porträts. Das Lucerne Festival setzt auf ein Thema. 2015 heißt es „Humor“. Aber das ist nur ein Aspekt von vielen. Denn das 1938 gegründete Festival in Luzern prunkt wie kein anderes mit internationalen Orchestern; weder die 18 Jahre älteren Salzburger noch andere Festspiele können da mithalten.

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Der Chefdirigent des Leipziger Gewandhauses, Riccardo Chailly, beerbt Claudio Abbado als Leiter des Lucerne Festival Orchestra.

Quelle: Chris Melzer

Luzern. Jetzt bietet es binnen vier Wochen 32 Sinfoniekonzerte von 19 Klangkörpern, darunter die renommierten aus Boston, San Francisco, Amsterdam, St. Petersburg, Israel, Dresden, die Wiener und die Berliner Philharmoniker. Den Auftakt macht das Lucerne Festival Orchestra (LFO), das eine Besonderheit darstellt. Während die SHMF-Orchesterakademie Jungmusiker aus aller Welt ins Land holt, versammelt Luzern auch hochkarätige Solisten, Kammermusiker und Stimmführer europäischer Klangkörper im 2003 von Claudio Abbado gegründeten „Orchester der Freunde“. Diesmal sitzen u. a. Wolfram Christ (Viola), Jens Peter Maintz (Cello), Reinhold Friedrich (Trompete) und Lübecks Oboen-Professor Diethelm Jonas an ersten Pulten.

 Das Auftaktkonzert wurde zum Ereignis. Im Interimsjahr – nach Abbados Tod 2014 und der 2016 beginnenden Ägide von Riccardo Chailly – bot Doyen Bernard Haitink die 4. Sinfonie von Gustav Mahler, wie Dirigenten es heute nicht mehr wagen (oder können): Der 86jährige ließ das LFO so ruhig und unspektakulär, dabei so organisch und eindringlich spielen, dass es mit dem reinen Sopransolo der jungen Anna Lucia Richter das Publikum tief bewegte. Eingangs bewies Haitink, wie Haydn (Sinfonie C-Dur Hob. I:60 „Der Zerstreute“) schlankweg mit federnden Tempi Spaß macht.

 LFO-Mitglieder finden sich stets zu hochrangiger Kammermusik, wunderbar transparent im großen Konzertsaal. In der ersten „Humor“-Matinee boten vier Streicher Hindemiths „Fliegender Holländer“-Persiflage als urkomische Inszenierung, der Pianist Olli Mustonen ironisierte mit italienischen Kollegen Beethovens „Gassenhauer“-Trio, zeigte rasante Lockerheit bei Poulenc sowie perlenden Anschlag bei Dvoraks melodieseligem 2. Klavierquintett mit u.a. Christ und Maintz.

 Als erste Gäste kamen Daniel Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra, das bei Debussys „Faun“-Prélude gemeinsam wogte und bei Boulez‘ „Dérive 2“ sich auf elf Solisten verkleinerte. Sie machten unter Barenboims vorbildlicher Schlagtechnik plausibel, was Boulez auf der Basis von sechs Tönen variiert – und das mit einer Spannung, die das Auditorium bei der Stange hielt: Denn das Werk ist genauso lang wie abschließend Tschaikowskys 4. Sinfonie, die Barenboim derart übersteuerte, dass Pathos und Vivacissimo das Publikum in Entzücken versetzte.

 Dem 90jährigen Boulez gilt ein ganzer Geburts-Tag mit Uraufführungen von Komponistenkollegen. Denn seine Festival Academy widmet sich der zeitgenössischen Musik, der sich Luzern seit je verpflichtet fühlt. Das ist eines der Merkmale der 56 Konzerte in vier Wochen. 2014 betrug der Festival-Etat 25,2 Millionen Franken (23,3 Millionen Euro), dank Einnahmen, Sponsoren und Freundeskreis fast ganz eigenfinanziert. Zum Vergleich: Der SHMF-Etat 2014 für 154 Konzerte betrug 8,4 Millionen Euro mit einer Eigenfinanzierung von weit über 50 Prozent. Während Luzern sich auf die Stadt, auf Orchester und Moderne konzentriert, hat das SHMF als Flächenfestival eine ganz andere Zielrichtung – und viel weniger private Zuwendungen.

Lucerne Festival bis 13. September. Programm und Infos unter www.lucernefestival.ch

Von Günter Zschacke

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