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Kunst von der Straße

„Grund und Boden“ gedruckt Kunst von der Straße

Irgendwie sieht es lustig aus: Auf der Straße liegt ein dickes Filzflies mit Decken und Kissen, darüber rumpelt eine Asphaltwalze. Passanten schauen zu, aber Susanne von Bülow und Ruppe Koselleck haben noch mehr zu tun.

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Susanne von Bülow und Rupe Koselleck bringen Kunst- und Grundstücksmarkt in Zusammenhang.

Quelle: jrk

Kiel. Das Künstlerpaar aus Münster lupft die Stoffteile an, besieht den darunterliegenden Papierbogen auf eingefärbtem Grund, lässt die Walze nochmal drüber fahren und ein drittes Mal – dann ist er fertig: der Grund-und-Boden-Druck in schrillen Farben, exakt einen Quadratmeter groß. Abgebildet ist die Struktur des Bodens – körnige Teerfläche, linierter Plattenbelag oder die Muster von Gullideckeln.

 Solche Kunst von der Straße mag nett oder belanglos erscheinen – im Kontext ist sie weit mehr. Denn die Preise der Werke differieren stark: „Nicht der Künstler, die Lage macht den Preis“, postulieren von Bülow und Koselleck scheinheilig. So kostet ein Druck, der im Ostuferhafen gewalzt wurde, 80 Euro. Nur unweit davon, auf dem Campus der Fachhochschule vor dem Bunker-D, muss man schon 235 Euro hinblättern. An der Kiellinie zwischen Schifffahrtsamt, Tirpitzhafen und Flandernbunker gar 635 Euro. Und am Niemannsweg klettert der Kunstpreis auf 690 Euro,.

 Kenner der Baubranche haben es längst gemerkt: Hier entsprechen die Kunstpreise den kommunalen Bodenrichtwerten – also den Quadratmeterpreisen, die der Immobilienmarkt hier für Grund und Boden so hergibt. Oder hergeben könnte, denn manche Preise sind auch spekulativ, wie das im Baubereich so üblich ist. Das Ähnliches auch für den Kunstmarkt gilt, machen die Künstler mit ihrer Aktion auf subversive Weise deutlich; „subversiven Opportunismus“, nennt Koselleck ihr Tun, das mittels farbenfroher Straßenkunst auch dem Gefüge von Marktwirtschaft und sozialen Belangen auf den Grund geht. Denn schließlich lebt ja auch der Mensch in seiner Stadt oder mit der Kunst.

 In Bochum, Duisburg oder Nürnberg hat das Künstlerduo dies schon ausgelotet. In Kiel spinnt Verena Voigt von der „Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte“ die Fäden des Projekts und hat dazu Unterstützung vom Kulturministerium, der Stadt Kiel und der Baufirma Heinrich Karstens bekommen. Deren Walzenführer Berthold Christofzik hat für sich hier „eine ganz neue Welt“ entdeckt. Am heutigen Freitag darf er noch einmal über die Kissen rumpeln: Fördesparkasse, Bäckergang, Ostseekai, Aronastraße und Warnemünder Straße stehen auf dem Programm, bevor Stadtbaurat Peter Todeskino morgen eine Ausstellung eröffnet, die der Verein Maritimes Viertel dann für zwei Wochen in der alten Technischen Marineschule zeigt.

 Grund + Boden, Arkonastr. 1. Eröffnung morgen, 18 Uhr. Bis 23. Juli, Mi + Sa 14-16 Uhr, + 14.7. 18-21 Uhr.

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