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Er war keiner von den Leisen

Günter Grass ist tot Er war keiner von den Leisen

Zur Bühnenfassung seiner legendären „Blechtrommel“ war Günter Grass vor gut 14 Tagen noch ins Thalia Theater nach Hamburg gekommen – heiter stand er da, sichtlich beglückt über Luk Percevals konzentrierten Zugriff auf den Jahrhundertroman. Es war Grass’ letzter öffentlicher Auftritt. Am Montag ist der Literaturnobelpreisträger in Lübeck gestorben.

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Günter Grass war Moralist, Mahner und Erzähler – hier bei einer Lesung 2009 auf der Buchmesse in Frankfurt.

Quelle: dpa

Lübeck. Er war keiner von den Leisen, wie der im vergangenen Herbst verstorbene Freund und Kollege Siegfried Lenz. Günter Grass äußerte sich oft und gern öffentlich, als politischer Warner und Mahner oder als Moralist mit buchstäblich erhobenem Zeigefinger. Zum deutschen Asylrecht nahm er ebenso Stellung wie zum Twitter-Verbot in der Türkei, zum Wiedervereinigungsprozess, zur Diskriminierung Homosexueller, zu NS-Vergangenheit und Rechtsradikalismus. Erst vor wenigen Wochen hatte der 87-Jährige in einem Zeitungsinterview noch vor einem dritten Weltkrieg gewarnt. Und wenn dabei die Fetzen flogen, weil der Mann mit dem imposanten Schnäuzer und der selten erkalteten Pfeife mal wieder etwas zu polterig in die Arena gestiegen war, war ihm das durchaus recht. „Kein leichter Freund“, beschrieb ihn Björn Engholm 1987 in einer Würdigung zum 60. Geburtstag, „einer der sagt, was er denkt, der kritisch anmerkt, was andere verschweigen.“

 Die Literatur war dabei immer nur eins von mehreren Spielfeldern, auf denen sich der Sohn eines Danziger Kolonialwarenhändlers, geboren am 16. Oktober 1927, tummelte. Grass malte, zeichnete, modellierte, besuchte die Kunstakademien in Düsseldorf und Berlin – und ging bei Tagungen der „Gruppe 47“ mit seiner Mappe mit Grafiken und Zeichnungen herum, bevor er das Schreiben entdeckte. Ohnehin sah der Künstler die Vielfalt der Kunstformen als Einheit: „Ich zeichne immer“, hat er einmal gesagt, „auch wenn ich nicht zeichne, weil ich gerade schreibe.“ Und das Bildhafte, Plastische setzt sich in seiner Literatur fort. Zuerst in der wortspielenden Lyrik, mit der der 27-Jährige 1954 einen Wettbewerb des Süddeutschen Rundfunks gewann. Dann in der Danziger Trilogie, in der Grass Schuld und Verantwortung der Deutschen beschäftigten. Im Debüt mit dem Schelmenroman um den Gnom und Blechtrommler Oskar Matzerath, dem die Welt des Krieges und der Nazi-Zeit zur Erinnerungsschleife erstarrt. Danach noch so ein Sonderling, der nicht nur sexuell verwirrte Schüler Pilenz, in Katz und Maus (1961). Und die „Menschenscheuchen“ der Hundejahre (1963).

Mit der „Blechtrommel“ schrieb Günter Grass Weltliteratur, als gesellschaftspolitischer Moralist erregte er Widerspruch. Jetzt ist der große deutsche Nachkriegsautor und Nobelpreisträger mit 87 Jahren in Lübeck gestorben.

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 Grass hat seine Figuren stets so beschrieben, dass man sie auch sehen kann. Es ist ein Schreiben gegen das Vergessen, das er auch in späteren Werken fortgesetzt hat. Der Butt beackert 1977 gleich die ganze Menschheitsgeschichte, herumgesponnen um die Ilsebill aus dem Märchen vom Fischer und seiner Frau, die am Ende aller Wünsche wieder am Anfang ist. Im Krebsgang beleuchtet 2002 den Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“. Nach der Rättin (1986) sah ihn die Literaturkritik, allen voran Marcel Reich-Ranicki, als Erzähler am Ende. Den Literaturnobelpreis, der ihn direkt an die Seite von Thomas Mann stellte, bekam Grass 1999 trotzdem. Für ein Werk, das Deutschland, seine Schuld und seine Geschichte im 20. Jahrhundert so eindrucksvoll spiegelt. Und schließlich hat sich der Schriftsteller, der 1986 mit Ehefrau Ute seinen Stammsitz in Behlendorf bei Lübeck einrichtete, doch noch einmal neu erfunden, 2006 mit dem Band Beim Häuten der Zwiebel. Ein autobiografisches Erinnerungsbuch, in dem der Schriftsteller die Schichten der eigenen Jugend aufblätterte – und nach 62 Jahren eröffnete, dass er 1944 als 17-Jähriger für einige Zeit der Waffen-SS angehört hatte. Ein Geständnis, das seine Glaubwürdigkeit erheblich beschädigte.

 Schließlich hat sich Grass selbst als „Spätaufklärer“ verstanden und sich nie gescheut, politisch Farbe zu bekennen. Kurt Schumacher hatte ihn nach Kriegsende für die SPD begeistert; in den Sechzigern unterstützte er die Wahlkämpfe seines Freundes Willy Brandt – und verarbeitete die Erfahrungen in Aus dem Tagebuch einer Schnecke (1972). Und immer wieder löste der Schriftsteller heftige Kontroversen aus, ob mit der harschen Kritik am ehemaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine oder zuletzt 2012 mit einem Israel-kritischen Gedicht. Doch so umstritten seine Diagnosen bisweilen auch waren, der Achtung gegenüber dem Intellektuellen tat das keinen Abbruch. „Grass wurde in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend als Verfasser politischer Statements wahrgenommen und nicht als der überragende Künstler, der er war“, sagt Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. „Wir alle wissen, dass er eine große Freude daran hatte, gezielt zu provozieren. Aber er wollte immer Diskussionen anstoßen, nicht abschließen.“

 Als streitbaren Geist kannten ihn auch die Kieler, die Grass regelmäßig mit seinen Neuerscheinungen bei den Autorenabenden von Eckart Cordes erleben durften – und 1991 mit einer Performance des begnadeten Vorlesers zur Eröffnung der Jazzbaltica. Neugierig blieb Günter Grass bis zum Schluss, begab sich gern unter die Leute – ob das die Schriftsteller nachfolgender Generationen waren, die er seit zehn Jahren alljährlich zum „Klassentreffen“ ins Grass-Haus einlud, das ihm die Stadt Lübeck 2002 als Museum und Archiv eingerichtet hatte, oder die Schüler, mit denen ihn der Kieler Lehrer Torsten Stellmacher besuchte und denen er geduldig Einblick gab in seine Kunst. Unterm Dach des Grass-Hauses in der Glockengießerstraße hatte der Schriftsteller auch eine Art Schreibstube. Und so konnte es Besuchern immer wieder passieren, dass er einfach da war, auf der Treppe zum Büro oder in den Ausstellungsräumen – lebendes Gedächtnis der Zeitgeschichte und ein Literaturnobelpreisträger zum Anfassen.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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