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Weizenbier und Kulturschock

Hallgrímur Helgason Weizenbier und Kulturschock

Eigentlich hatte Hallgrímur Helgason nicht vorgehabt, ein Buch über sich selbst zu schreiben. Aber dann gab es diese Lesung in München, der Roman "Eine Frau bei 1000 Grad" war gerade erschienen – und plötzlich schwappten sie wieder hoch, die Erinnerungen an das Studienjahr Anfang der Achtziger in der bayerischen Metropole.

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Entspannt: Vor der Lesung hatte Hallgrímur Helgason im Hotel Maritim Zeit für ein Gespräch.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel.  „Das war sehr seltsam, in diese city of pain zurückzukehren“, sagt Hallgrimur Helgason. Und wie er dazu die Finger knetet, der Blick kurz flattert, liegt die Stadt einen Moment lang tatsächlich im Erinnerungsnebel wie auf einem anderen Stern. So fern und abwegig, wie sie dem Helden in Helgasons neuem Roman Seekrank in München (Tropen Verlag) bei der Ankunft erschienen sein muss.

 Warum der Schriftsteller, der damals noch Kunst studierte, überhaupt weggegangen ist? „Island war ziemlich isoliert damals, eine enge, zurückgebliebene Gesellschaft“, sagt Helgason beim Gespräch vor der Lesung am Dienstagabend im gut gefüllten Literaturhaus. Die dritte in Kiel, zum deutschen Norden hat der isländische Kult-Autor eine Affinität; auch, weil sein Ururgroßvater im 19. Jahrhundert aus Schleswig-Holstein nach Island kam. „Nicht mal Bier war erlaubt“, erzählt er weiter. „Das Bierverbot wurde erst 1989 aufgehoben. Und wenn man Kultur erleben wollte, Ausstellungen sehen, dann musste man da raus. Auch raus aus der Sicherheit der Familie, der Schule, der Insel.“

 So wird München zum Kulturschock für den Kunststudenten Jung – mit den knallfarbig sterilen U-Bahnhöfen, den Strömen von Weizenbier und den Menschen, die in die Oper eilen wie die Isländer nur zum Handball. Und sowieso wäre Jung viel lieber ins coole West-Berlin gegangen. Das Unwohlsein, das den Protagonisten in der neuen Stadt befällt, setzt sich handfest um in eine dunkle magmaartige Masse, die Jung in den unpassendsten Momenten erbricht. „Seekrank“, erklärt Helgason, „ist ein guter Begriff für das Gefühl des Herumschlingerns, das ich damals hatte. Und für die Probleme, ich selbst zu sein.“ Aber auch für das Heimweh und die Sehnsucht nach dem Meer, das er zu Hause in Reykjavik stets vor dem Fenster hatte.

 Das Trauma, das München auslöst und die Fremdheit, die sich auf einem verstörenden Italien-Trip nachhaltig verstärkt, setzt plastische Bilder frei. Nicht umsonst hat Helgason wie Jung, der Marcel-Duchamp-Jünger, halbherzig Malerei studiert, bevor er das Schreiben für sich entdeckte. Ja klar, Malen tut er immer noch, in einer Galerie in Reykjavik läuft gerade eine Ausstellung mit neuen großformatigen Gemälden. „Aber das Schreiben ist mir lieber. Man muss wach sein dafür, total fokussiert, im Einklang mit sich selbst.“

 Dann ist Raum für diese eigenwillig ruppige Poesie, die in den Entwicklungs- und Künstlerroman auch ein flirrend bewegtes Zeitbild einflicht: Die latente Bedrohung von Atomkrieg und RAF-Terror. Die in Schwarz und Weiß geteilte Welt, in der die Wahl von Hose und Musik über die Gruppenzugehörigkeit entschied. Helgason erzählt davon mit jener schnoddrigen Selbstironie, die auch das Schwere leicht macht. „Mhm“, schmunzelt der 56-Jährige, „das ist wohl der kleine Dämon, der mich treibt, mich über die Dinge lustig zu machen ...“

 Mit dem Weizenbier übrigens hat sich Helgason mittlerweile ebenso angefreundet wie mit der Oper. In der finden sich schließlich auch ein paar Parallelen zum Handball: „Spannung, Drama – das gehört dazu. Und im Spiel wie auf der Bühne gibt es garantiert eine Drama-Queen.“

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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