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Mittelpunkt und Randfigur zugleich

Neumeiers neues Ballett: Mittelpunkt und Randfigur zugleich

Von der legendären Schauspielerin Eleonora Duse hat sich John Neumeier zu „Choreographischen Phantasien“ inspirieren lassen — und dafür in Hamburg viel Beifall geerntet.

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Karen Azatyan in der Rolle des Gabriel D’Annunzio holt Alessandra Ferri als Eleonora Duse aus der verordneten Passivität heraus.

Quelle: Tänzer: Alessandra Ferri; Karen Azatyan

Hamburg. Am Anfang sitzt sie im Kino und schaut sich selber zu: La Cenere, der einzige Film, den die Schauspiellegende Eleonora Duse (1858-1924) drehte, 1916, fast schon am Ende ihrer Karriere. Später sieht man sie, wie sie sich von der Bühne stiehlt, noch ganz versunken in ihrer Rolle, weg vom aufbrandenden Applaus. Oder wie sie versonnen konzentriert die expressive Gestik der bewunderten Rivalin Sarah Bernhardt probt: prüfend und seltsam fremd in der ausgestellten Emotionalität, die mit ihrer eigenen verhaltenen Art des Spiels so gar nichts zu tun hatte.

 Sie ist eine Beobachterin im eigenen Leben, die Frau, die John Neumeier in seinem neuen Ballettabend zu Musiken von Benjamin Britten und Arvo Pärt an der Hamburgischen Staatsoper auf die Bühne bringt. Zentrum und Randfigur zugleich, mehr von den anderen bewegt als selbst bewegend. Und so zeigt Alessandra Ferri, lange Jahre Star des Hamburg Balletts und nun in der Titelrolle als gefeierter Gast zurück, sie auch: verhalten und doch von raumgreifender Präsenz.

 Quer durch Leben und Lieben von Eleonora Duse, die als internationaler Bühnenstar gefeiert und mit ihrem einfühlenden Spiel zur Vorläuferin des „Method acting“ wurde, spürt Neumeier, der hier einmal mehr neben der Choreografie auch Bühne und Kostüme gestaltet hat, dem Mythos nach. Ein seltsam zwiespältiger Abend, den Hamburgs Philharmoniker unter Leitung von Simon Hewett musikalisch mit Gespür für Nuancen und in allen Facetten der Elegie ausgestalten – und der erst im zweiten Teil so richtig bei sich selbst ankommt, während er vor der Pause immer wieder in einem oberflächlich biografischen Bilderbogen hängen bleibt.

 Sarah Bernhardt taucht auf und gibt Silvia Azzoni Gelegenheit, als exaltierte Diva zu brillieren. Die Tänzerin Isadora Duncan, die mit Eleonora Duse eine enge Freundschaft verband, schwebt herein; und Anna Laudere spinnt sie ein in einen schmerzlich intensiven Auftritt. Vor allem aber geht es um die Männer, die „die Duse“ begleitet, sie vielleicht auch gemacht haben – und sie hier pathetisch erhöhen, erheben, im Triumph tragen, ihr Motor sind. Carsten Jung ist der Mentor und Geliebte Arrigo Boito, der die literarische Bildung der Schauspielerin vorantrieb; Aleksandr Trusch der junge Luciano Nicastro, der die Mittfünfzigerin umschwärmte und ihr zum Sohnersatz wurde.

 Figuren, die bei aller tänzerischen Virtuosität Mühe haben, über die Typisierung hinauszuwachsen. Das gelingt vor allem Karen Azatyan in der Rolle des Gabriel D’Annunzio. Den Schriftsteller, den Eleonora Duse wider seine Untreue und Demütigungen protegierte, finanzierte, liebte, macht Azatyan als egozentrischen Verführer lebendig. Eine Figur, deren aufregende Dynamik auch Alessandra Ferri aus der verordneten Passivität herausholt – und plötzlich wird „die Leidende“ (wie die Duse genannt wurde) zum aufmüpfigen Widerpart: So hätte man die Ausnahmetänzerin gern noch öfter gesehen.

 Stattdessen bleiben die Bilder in ihrer Getragenheit oft flach, schrumpfen die Schrecken des Ersten Weltkriegs auf ein paar Lichtblitze zusammen, die Welt der Bühne zum kunterbunten Kostümfest, die Einheit von Kunst und Sein zum fortlaufenden Garderobenwechsel. Und der Mythos bleibt erstmal Behauptung.

 Erst da, wo sich Neumeier von der Lebensgeschichte der Titelfigur löst, entwickelt die Choreografie ein Eigenleben – und in der Abstraktheit des Tanzes ihre eigene Magie. Zum wispernden Streicherklang von Arvo Pärts Fratres stellt Hamburgs Ballettchef Eleonora noch einmal ihren Männern gegenüber. Er baut die Tänzer zu Molekülreihen zusammen, konzentriert sie in skulpturalen Clustern, lässt sie um- und auseinander hervorwachsen. Da bleiben Beine und Arme in der Luft hängen wie abgelegt, windet sich Alessandra Ferri in Zeitlupe durch eine irrwitzige Drehung und um Karen Azatyan herum, verschmelzen die Körper zur vielarmigen Einheit. Eine kontemplative halbe Stunde, in der der Tanz wunderbar auf den Punkt kommt. Und die Duse mit Neumeiers ewigen Wanderern verschmilzt.

 Hamburg Ballett. Vorstellungen: morgen, 11., 12. Dezember, 9., 15., 16., 28., 31. Januar. Kartentel. 040/356868, www.staatsoper-hamburg.de

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