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Lammfromm und pechschwarz

Hanne Nagel Lammfromm und pechschwarz

Sie hätte gern noch mehr gezeigt, sagt Hanne Nagel-Axelsen und lässt ihren wachen Blick schweifen über ohnehin reich bestückten Wände der Landesbibliothek. 100 Bilder hat Kuratorin Bärbel Manitz für die große Werkschau ausgewählt, die an die Schau zum 70. Geburtstag vor drei Jahren im Richard Haizmann Museum in Niebüll anknüpft und doch erkennbar frische Akzente setzt.

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Hanne Nagel-Axelsen lässt Tiere sprechen. Als Botschafter unserer dunklen Ängste und heiteren Träume.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Das liegt an der Produktivität und Risikofreude der Malerin. „Manchmal weiß ich gar nicht, ob ein Bild wirklich gelungen ist oder nicht“, sagt die Künstlerin in der ihr eigenen entwaffnenden Aufrichtigkeit. „Aber ich will einfach zeigen, was ich probiere.“

 Und sie hat allerhand Neues probiert in diesem Sommer in der Toskana, wo es sie mit ihrem Mann und Malerkollegen Peter Nagel seit vielen Jahren hinzieht, und ist gleich mit mehreren eingerollten Leinwänden nach Kleinflintbek zurückgekehrt. Unter den jüngsten Arbeiten in dieser Auswahl von Malerei aus 53 Jahren ist ein großes Hochformat mit dem Titel Eva und die Tiere. Eine wilde, seltsam unfarbige Szene, gesprayt, gemalt, getupft, gepunktet, übermalt. Gespenstisch, dabei irritierend disharmonisch und einfach überraschend anders als vieles, was man von ihr kennt. Und wieder die Tiere. Sie sind und bleiben ihr Thema. „Sie liebt Tiere, malt aber Chimären“, schmunzelt Bärbel Manitz. Dort erscheinen sie formatfüllend als dunkel bedrohliche Albtraumgestalten, als Ängste, die Macht über uns haben. Dann wieder heller als lammfromme, manchmal geschundene Wesen, die Beschützerinstinkte wecken.

 „Meine Tiere“, sagt Hanne Nagel, „sind heiter, komisch, manchmal eben auch bedrohlich und aggressiv.“ Und sie sind Botschafter von Seelenzuständen. Die kleine schwarze Kuh zum Beispiel mit der frechen rosa Sprechblase, die dem Bild den Titel gab: Ojojojoj. Ein Seufzer, erzählt die Malerin, der sich mit einer alten, kranken Nachbarin in ihrem Dorf in Italien verbindet. Unverkennbar und für alle hörbar, wenn sie am Haus vorbeigeschlurft sei, und das sei mehrmals am Tag gewesen. Hanne Nagel bringt solche Beschwernis, das Gefangensein im eigenen Leid, ins Bild. Aber sie tut das so ironisch, dass sich das theatralische Selbstmitleid amüsant relativiert.

 Kuratorin Bärbel Manitz hat mit dem pointierten Ausstellungstitel ... alles andere als schön den Nerv von Hanne Nagels Malerei getroffen. Denn diese Malerei, diese Gouachen oder Skizzen sind nie glatt, sondern kultivieren auf beinahe widerborstige und fast trotzige Weise das Raue und lassen immer wieder aufs Neue das Material sprechen. Irgendwann Ende der Achtzigerjahre habe sie sich erlaubt, auf einem Bild etwas von der weißen Leinwand stehen zu lassen –, und danach, sagt die Malerin, sei die Freiheit dagewesen.

 Den Zufall lässt sich für sich arbeiten. Eine Farbschliere kann zum Schatten eines Kopffüßlers werden und durch das Loch im Nesselgewebe schaut ein freundliches Schaf den Betrachter an. Aber im zweiten Schritt bändigt Hanne Nagel diese Zufall mit „unbedingtem Formwillen“, wie Bärbel Manitz es formuliert. Frühe Arbeiten der Sechzigerjahre, als die junge Dänin an der Hamburger Hochschule zusammen mit Peter Nagel studierte, zeugen von solider handwerklicher Grundlage. Die Ausstellung würdigt eine Malerin, die zu den wichtigen im Land zählt. Woher sie die Kraft nimmt? „Nein, es ist genau anders herum“, sagt sie, „belastend ist eigentlich, wenn ich eine zeitlang malfrei bin.“

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