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Mit der Lust am politisch Unkorrekten

Harald Martenstein in Kiel Mit der Lust am politisch Unkorrekten

Bis sein neues Buch mit dem Titel "Nett sein ist auch keine Lösung" erscheint, dauert es noch. Harald Martenstein ist deshalb tief in den Fundus seiner Veröffentlichungen hinabgestiegen und hat ein „Best Of“ zusammengestellt, mit dem er sein Publikum und sich selbst am Montag im vollbesetzten Metro-Kino trefflich unterhielt.

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Fündig im eigenen Fundus: Harald Martenstein.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. „Ein paar Geschichten stammen aus meiner Anfangszeit als Kolumnist, ich habe sie seit Ewigkeiten nicht mehr gelesen“, so der 62-Jährige, ganz offensichtlich zufrieden mit dem, was er da vor gut 13 Jahren zu Papier gebracht hat. Zu Recht. Nicht umsonst sind Martensteins Kolumnen Kult. Der Versuch, diese funkelnden Kleinodien zu paraphrasieren, ist zum Scheitern verurteilt und soll hier gar nicht erst unternommen werden. Der preisgekrönte Zeit-Kolumnist und Redakteur beim Berliner Tagesspiegel beherrscht das Metier der ironischen (Selbst-)Entlarvung wie kaum ein zweiter, findet das Bekloppte im Alltäglichen und webt seine Fundstücke mit unverhohlener Freude am politisch Unkorrekten zu Geschichten von brillantem Hintersinn.

 Ob als Protagonist oder als Beobachter: Martenstein ist immer mittendrin und kommentiert die Eigenarten und Auswüchse der modernen Gesellschaft mit ungläubigem Staunen. Frei nach dem Ratschlag einer Agentin, die ihm einst verriet: „Kinder, Tiere, Sex und Nazis sind Themen, die immer ankommen“, finden sich in den Kolumnen fast immer abstruse Verschleifungen, die eines dieser Zauberthemen streifen. In der Geschichte über einen Sex-Ratgeber fällt das vergleichsweise leicht, auch der Antwortbrief an eine aufgebrachte Genderforscherin birgt einen Strauß von Möglichkeiten.

 Schwieriger wird es im Text über das Tragen von Kopftüchern, den er ausgegraben hat, um etwas politisch Aktuelles zu bringen. Da habe er sich als Prophet erwiesen, freut sich Martenstein und zündet ein Feuerwerk unzulässiger Vergleiche und feinsinniger Bosheiten („In einem freien Land hat jeder das Recht Muslim zu sein. Man darf ja auch Leistungssport treiben, das ist schließlich auch gefährlich.“). Ein anderer Text verknüpft skurrile Umfrageergebnisse („Ein Prozent der Deutschen nennt als Stadt ihrer Träume Bochum“) zum Gespinst subtil aufeinander bezogener Absurditäten. „Interessant, wie ich da am Ende die Kurve gekriegt habe“, stellt er fest und kann sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Großer Applaus und beste Laune auf dem Heimweg.

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