17 ° / 13 ° Sprühregen

Navigation:
Musikalischer Großeinsatz

Kirchenmusik zu Weihnachten Musikalischer Großeinsatz

Zwölf Kirchenmusikerstellen gibt es in der Propstei Altholstein Nord. Bei weitem zu wenig, um die zahllosen Weihnachtsgottesdienste in den über 40 Kirchen in Kiel und einigen Umlandgemeinden hauptamtlich auszugestalten.

Voriger Artikel
Rappen gegen taubstummes Sein
Nächster Artikel
Klangraum für Kultur

Gefragter Einsatz zur Weihnachtszeit: Uta Homeyer spielt sich in der Schilkseer Kirche warm.

Quelle: "Sonja Paar sp, Sonja Paar"

Kiel. Kreiskantor Reinfried Barnett stellt sich als Kirchenmusiker am ökumenischen Zentrum Birgitta-Thomas gelassen der Herausforderung: Fünf evangelische und zwei katholische, macht sieben Gottesdienste zwischen 9.30 und 23.30 Uhr am Heiligabend, dann noch zwei am Morgen des 1. Weihnachtsfeiertags. Aber ohne Aushilfen geht es nicht. Noch weniger als vor 20 Jahren, als es in seiner Zuständigkeit noch „fünf bis acht“ hauptamtliche Kirchenmusiker-Stellen mehr gab – ein „erheblicher Aderlass“, wie Barnett bedauert.

 Man setzt auf Aushilfen wie etwa Uta Homeyer (70): Die ehemalige Direktorin des Beruflichen Gymnasiums am Ravensberg legte als Pensionärin noch die C-Kirchenmusikerprüfung ab und ist seit dreieinhalb Jahren eine gefragte Organistin in und um Kiel: Heiligabend stehen Einsätze in Westensee und in St. Jürgen an, am 1. Feiertag in Suchsdorf. Auch Karl Kühne, ehemals Organist am städtischen Krematorium, ist mit seinen 74 Jahren eine vielgefragte Größe auf der Empore. Wie Werner Elvers, früher Organist der Lukaskirche in Holtenau... So komme man bei guter Planung, die oft schon vor den Sommerferien beginne, über die Runden, sagt Barnett. Er gibt aber auch zu bedenken: Die Kirchenmusiker hätten heute innerhalb einer Gemeinde bis zu drei Kirchen zu betreuen – zur Hochsaison über Weihnachten ist das nicht leistbar. Zwar sind es nicht immer sieben, aber drei bis fünf hauptamtliche Einsätze an Heiligabend seien schon die Regel.

 Während man in Kiel auf Erfahrung setzt, ist in Lübeck an hohen Festtagen und in Urlaubszeiten der Nachwuchs stark gefragt. An der Musikhochschule werden Kirchenmusiker ausgebildet – ein Glücksfall für die Gemeinden, sagt Kreiskantor Hans-Martin Petersen. So wird etwa Orgelstudentin Anna Ludwikowska (26) bis zum 3. Januar in 15 Gottesdiensten spielen. In Lübeck sei, so Petersen, die Zahl der Kantoren-Stellen durch Sparmaßnahmen innerhalb von 15 Jahren von über 20 auf nunmehr 13 (sieben davon Vollzeit) zusammengeschrumpft. Das entspricht in etwa der Tendenz in Kiel, wo fünf Kirchenmusiker die höchste A-Qualifikation haben, es allerdings nur zwei A-Stellen an St. Nikolai und in der Heiliggeistgemeinde gibt. Die zwölf hauptamtlichen Stellen in Kiel teilen sich auf in sieben Vollzeit- und fünf Teilzeitstellen. Zwei der B-Stellen sind aktuell wegen Krankheit und Erziehungsurlaub nicht besetzt, eine 75-Prozent-Stelle in der Luthergemeinde wird zur Freude Barnetts zum 1. Januar 2016 wieder besetzt: Olga Persits hat ihr Studium in Lübeck absolviert und beendet eine lange Phase, in der man in Luther- und Jakobikirche mit Vertretungen improvisiert hat. Im Moment ist die Stellensituation nach Barnetts Einschätzung insgesamt recht stabil. Allerdings bedauert er die Streichung einer Vollzeitstelle im Umland.

 Mittlerweile müsse man sich schon wieder Sorgen um den Nachwuchs machen. Denn der deutliche Stellenabbau vor über zehn Jahren im Bereich der Küster, aber auch der Kantoren habe zur Folge gehabt, dass weniger junge Leute sich zum Kirchenmusikstudium entschieden. In zehn Jahren könnte es schwer werden, frei werdende Stellen zu besetzen, prognostiziert der Kreiskantor. Zugleich sieht er Erfolge in der kompakten Ausbildung zu in der Regel nebenamtlichen C-Kirchenmusikern: Für Gottesdienste reicht deren Qualifikation allemal. Wer freilich von solchen Extra-Diensten leben muss, hat’s nicht leicht: 30 bis 35 Euro, so hört man, werden für einen kirchenmusikalischen Weihnachtseinsatz bezahlt. Idealismus tut da gut. Denn Weihnachten ohne Musik, das geht gar nicht.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3