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Der Gegenwartsbewältiger

Gottorf: Harald Duwe Der Gegenwartsbewältiger

„Heile Welt“ – das klingt nach glücklichen Gesichtern und idyllischen Landschaften. Verbunden mit dem Namen Harald Duwe (1926-1984) ist das ein Widerspruch in sich. Nichts gibt es weniger in der krassen Bildwelt des Hamburgers, als den Dreiklang von Friede, Freude und Eierkuchen. Und gerade deshalb haben die Ausstellungsmacher auf Schloss Gottorf ihrer große Sommerausstellung den Titel "Harald Duwe. Heile Welt" gegeben.

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Kunst von der Straße

Soziale Bühne Strand: Johannes Duwe mit den Werken „Fördeszene II“ ( li., um 1980) und „Ein Platz an der Sonne“ (1979).

Quelle: Marco Ehrhardt

Schleswig. Der Künstler, der mit Horst Janssen, Paul Wunderlich und Loriot an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste studierte und im Alter von 58 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, will mit seiner Malerei anecken und aufrütteln, wenn nicht schockieren. „Harald Duwe ist als Künstler eine Größe in Schleswig-Holstein und Hamburg und bei den jüngeren Leuten dennoch ein wenig in Vergessenheit geraten“, sagt Direktorin Kirsten Baumann. Seit 35 Jahren wurde sein Werk auf der Schlossinsel nicht gezeigt. Der 90. Geburtstag in diesem Jahr ist da ein willkommener Anlass für eine große Retrospektive. Doch das ist Kurator Christian Walda zu einfach. „Wir zeigen Duwe nicht, weil er 90 geworden wäre, sondern weil er gut ist.“ Auch sei die Schau, die mit rund 100 Bildern und Grafiken einen guten Überblick auf das Ouevre gibt, nicht einfach eine Retrospektive, sondern folgt vielmehr einer klaren thematischen Ausrichtung.

 Präsentiert wird der politische Künstler, der Salz in die Wunde gesellschaftlicher Missstände streut. Schon Mitte der 50er Jahre sind die harmlosen, wenngleich handwerklich gekonnt komponierten Landschaften aus seinem Motivkanon verschwunden. Der nackte menschliche Körper in seiner Unzulänglichkeit und Verletzlichkeit wird zum Hauptthema. In impressionistisch animierter Vielfarbigkeit entstehen Akte fern jedes klassischen Ideals – pralle, nicht selten welke Körperlandschaften, die das Kreatürliche ausstellen. In den 60er Jahren werden die Auschwitzprozesse prägend für Duwes Malerei, seine Bilder zum Stachel im Fleisch derer, die die Vergangenheit vergessen wollen. Mehr als schwere Kost sind die in einem Seitenraum gebündelt gehängten Darstellungen von Gewalt und Folter, in denen sich der größtmögliche Gegensatz zu der Ideologie des Nicht-Wissen-Wollens jener Jahre manifestiert. „Der Mensch ist wie das Vieh. Wie es stirbt, stirbt auch er“, kommentiert Duwes Sohn Johannes, selbst Künstler wie seine beiden Geschwister Katharina und Tobias, diese unfassbaren Bilder mit einem Bibelzitat, das seinen Vater hier geleitet haben mag.

 Bei Realisten wie Harald Duwe kommt man schnell vom Motiv zum Inhalt. Die künstlerische Brillanz gerät dabei zu Unrecht in den Hintergrund. „Wenn man den Bildern eine Chance gibt, sind sie einfach großartig“, sagt Kirsten Baumann. Das gilt auch für Arbeiten aus den 70ern, in denen Duwe sich mit Momentaufnahmen von Demonstrationen als Chronist der Studentenbewegung gibt. Seine persönliche Haltung spiegeln Bilder gegen den Vietnamkrieg, genauso wie die bitterbösen Impressionen deutschen Strandlebens, in denen fettleibige Sonnenanbeter umgeben von Zivilisationsmüll den Sommer genießen. Knapp zehn Jahre trennen diese scharf konturierten Figuren, deren Haut in ihrer fahlen Farbigkeit wie gepanzert erscheint, von den durchscheinenden Körperlandschaften der 60er. „Die künstlerische Entwicklung, die Duwe in dieser Zeit nimmt, ist so offensichtlich wie verblüffend“, so Christian Walda. „Man hätte noch viel von ihm erwarten können.“

www.schloss-gottorf.de

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