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Schräge Typen im Goldenen Handschuh

Heinz Strunk im Metro-Kino Schräge Typen im Goldenen Handschuh

„Auf Kiel ist Verlass“, konstatiert Heinz Strunk angesichts des proppevollen Saals im Metro-Kino, „das war schon immer so.“ Keine Frage: Strunk, 1962 als Mathias Halfpape in Hamburg-Harburg geboren, ist Kult. Auch mit seinem neuen Roman Der goldene Handschuh.

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Heinz Strunk bei seinem kultigen Kieler Auftritt.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Seit Tagen ausverkauft war die Lesung des Autors, Musikers und Gelegenheitsschauspielers, der mit seinem im März erschienenen siebten Roman Der goldene Handschuh neue Wege beschreitet. „Das Autobiographische ist auserzählt, die Zitrone sozusagen ausgequetscht“, so das Gründungsmitglied von Studio Braun, dessen Debüt Fleisch ist mein Gemüse wie die Nachfolgeromane zum Bestseller wurde. „Diesmal ist der Stoff ein ganz anderer und gar nicht so sehr zum Lachen.“

 Das Publikum lacht zur Sicherheit trotzdem. Das ändert sich auch in den folgenden zwei Stunden kaum, obwohl die Geschichte, die sich an der Biographie des Frauenmörders Fritz Honka hangelt, alles andere als lustig ist. Doch Strunk ist eben Strunk und wenn er das trostlose Leben im Kellergeschoss der Gesellschaft mit derben, drastischen Worten beschreibt und dabei Bilder heraufbeschwört, die man lieber nicht im Kopf hätte, wenn er mit seinen Figuren stottert, nölt und haspelt, geschieht das mit einer Flapsigkeit, die witzig ist, ohne das Elend zu verhöhnen.

 Als Fritz Honka, der seine Opfer in der der Hamburger Kneipe Der goldene Handschuh kennen lernte, gefasst wurde, war Strunk 13. „Die Medien stopften mit seiner Geschichte damals das Sommerloch“, erinnert er sich und demonstriert den unter Schülern damals üblichen „Honka-Gruß“, eine sägende Bewegung der Hände, die wenig pietätvoll das Schicksal der Getöteten andeutet. Den Handschuh, seit Jahrzehnten 24 Stunden am Tag geöffnet, gibt es immer noch. 2009 sei er dort hineingeraten und habe ein „Soziotop“ entdeckt, in dem er fortan seine Studien betrieb. Aus insgesamt 150 „Sitzungen“ hat er Beobachtungen mitgenommen, die als schwarz funkelnde Perlen in seine Erzählung einfließen. Überdies konnte er mit Sondergenehmigung des Staatsarchivs Einblick in die Prozessakten zum Fall Honka, nehmen – entsprechend authentisch sind die grausamen Passagen des Buches. Dass kein plumper Thriller daraus geworden ist, sondern ein eher trauriger, grotesk komischer Roman, liegt an der Empathie des Autors. Mit ironischer Distanz aber nicht ohne Herzenswärme schildert er die im Handschuh Gestrandeten. Honka ist einer von ihnen, ein armes Würstchen, körperlich benachteiligt und im Kopf nicht ganz helle, der sich ein grausiges Ventil für seinen angestauten Frust sucht.

 Um dem Leser nicht ausschließlich „das Elend der Schwerstalkoholiker zuzumuten“, hat der Autor einen „B-Plot“ ersonnen. Er spielt in der Reeder-Szene, wo die toten Tiere nicht zwischen Abfallbergen in der Küche liegen sondern als Jagdtrophäen an die Wand genagelt sind. „Sinn und Zweck diese Plots ist, zu zeigen, dass auch hier das Elend herrscht, nur anders – auch gut, sehr gut sogar.“

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