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Heldensage und Heute

Theater im Werftpark: Anis Hamdoun denkt Homers "Odyssee" neu Heldensage und Heute

Anis Hamdoun ist Theatermacher und Chemiker. Seit 2014 lebt der Syrer in Deutschland und landete im vergangenen Jahr mit "The Trip" einen vielbeachteten Theatercoup. Für das Theater im Werftpark hat der 30-Jährige jetzt die „Odyssee“ neu gedacht - und dafür bei der Uraufführung viel Zustimmung geerntet.

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Bewegende Visionen

Pia Leokadia und Sebastian Kreuzer in Aktion.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Der eine ist Bücherwurm und Kriegsflüchtling, gestrandet irgendwo in der Fremde, wo er nun mit seiner Dokumentenmappe im Amt herumsitzt und auf das Bleiberecht wartet. Den anderen, listenreicher Sagenheld und Troja-Bezwinger, hat der Mythos an alle möglichen fremden Ufer gespült, bevor er nach zehn Jahren endlich wieder nach Hause durfte. So richtig viel gemeinsam haben sie also nicht, Hadi und Odysseus, sieht man mal von der Erfahrung eines Lebens in der Warteschleife ab – und eben das ist der dramaturgische Trick, mit dem Anis Hamdoun den antiken Mythos und die aktuelle Migrationsbewegung in seiner Odyssee am Werftpark-Theater in produktive Spannung bringt.

Drei Schauspieler und eine Insel braucht der Autor und Regisseur, der 2013 aus Syrien floh, nach Deutschland kam und 2015 mit seinem Stück The Trip am Theater Osnabrück bundesweit Aufsehen erregte, um Homers Epos überraschend gegen den Strich zu bürsten. Per Tagtraum katapultiert Hamdoun seinen Hadi erstmal aus dem Amtsflur ins Abenteuer. Auf ein poetisches Eiland aus Landkarten (Bühne: Karl-Heinz Steck), über dem der Himmel voller wegweisender Formulare hängt und das mit handbetriebener Mini-Drehbühne auch prächtig als Schiff, Höhle oder Abenteuerspielplatz funktioniert.

Odysseus soll Hadi sein, ausgerechnet. Dieser Buchhändlersohn, den Sebastian Kreuzer so melancholisch versponnen in Szene setzt. Aber auch mit einem inneren Antrieb, der ihn hineintreibt in den Strom der Erzählung. Und sich bloß von Göttern und Wind durch die Gegend schaukeln lassen, ist Hadis Sache nicht – er gibt der Geschichte seine eigene Richtung. Und während Kumpel Polites die alten Kriegsgeschichten aufwärmt und Action fordert, gibt Hadi den Nachdenker.

So flirrt das Stück zwischen den Zeiten, wird das Geflirte mit Zauberin Circe, die Odysseus’ Mannschaft in Schweine verwandelt, zur Diskussion über Gastfreundschaft und Bleiberecht. Und in dem „Niemand“, der bei Homer den Zyklopen Polyphem überlistet und hier mit Baseballschläger und Stacheldraht-Video Guantanamo-Assoziationen erzeugt, spiegelt sich wohl manche Fluchterfahrung.

Anis Hamdoun und Co-Autorin Maria Schneider konzentrieren sich in dem Auftragswerk auf einige wenige von Odysseus‘ Abenteuern, nähern sich hier und da auch Homers Originalton an; und auf der Folie heutiger Fluchterfahrung wird der Mythos zu Spiegel und Reibungsfläche für den Helden. Da kann der Flüchtling Hadi hadern zwischen Heimweh („Wir wollen doch alle nach Hause!“), Anpassung und den Verlockungen der Fremde. Und schließlich ist da noch der Zweifel, ob es überhaupt richtig war, zu gehen, Familie, Freunde und ein Leben zurück zu lassen. So kommen sich die beiden Helden plötzlich näher als gedacht, vom Weltlauf aus ihren Leben geschleudert in eine Umlaufbahn mit unbekannter Richtung. Und man sieht ihren Versuch, zwischen Woher und Wohin den eigenen Standort neu zu bestimmen. Regisseur Hamdoun inszeniert das ganz unaufgeregt, mit leicht bitterer Komik und lässt die Ebenen unmerklich verfließen.

Bei allem Diskurs aber ist dieser Abend auch eine amtliche Abenteuergeschichte, in der Annegret Taube als komisch rüpeliger Feldherr Polites um Hadi herumschwirrt und pöbelt und überhaupt Tempo ins Spiel bringt. Pia Leokadia gibt eine höchst menschlich verknallte Circe und einen Abziehbild-Brutalo Polyphem; und alle drei kippeln wonnig auf dem Grat zwischen Sage und Heute. Stecks Bühne und das Wellen-Video (Stefan Louisoder) tun ihr Übriges dazu.

Am Ende sieht man Hadi zwischen den Polen. Hier ein erschöpfter Kriegsheld Achill (Taube), dem die letzte Schlacht schon auf die nächste vorausweist. Da Hadis zurückgelassene Mutter (Leokadia), Erinnerungsbild eines vom Krieg zerstörten Lebens. Gegenentwurf zur Odyssee, die bekanntermaßen im Blutrausch endet.

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