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Ein fulminanter Abend im Zirkus Schneider

Helge Schneider Ein fulminanter Abend im Zirkus Schneider

Die ausverkaufte Krusenkoppel ließ sich entführen in Helge Schneiders Welt aus Jazz, Blues, Katzeklo und Strichmännchenporno. Vier Enkel hat der Helge im wahren Leben, auf der Bühne ist weit und breit kein Nachfolger zu sehen, wie sein gut zweieinhalbstündiger Auftritt mit wie immer großartiger Band, Teekoch und Tänzer bewies.

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Helge Schneider ist auf seiner „Lass knacken, Oppa!“-Tour und machte auch Station auf der Krusenkoppel in Kiel.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Mit 60 fühlt sich Helge Schneider zu jung für die Rente, also wird weiter getourt und gescherzt, diesmal unter dem Motto „Lass knacken, Oppa!“ - und Helge Schneider und die Krusenkoppel, das passt seit Jahren zusammen. 

„Bis runter nach Paris ist Kiel immer eine Reise wert“, lobt er die Landeshauptstadt und ein Auftritt auf der Krusenkoppel sei „das Highlight im gesamten Leben eines Musikers.“ Und Musiker ist Helge Schneider aus tiefster Seele – mit Blues und einem Saxofon-Solo steigen Helge und Band in den Abend ein. Ein Fingerzeig hinterm Rücken oder ein kurzes Wippen des Oberkörpers reichen als Dirigat seiner Musiker, die gespannt den Aktionen des Bandleaders folgen, um zum einen ihren Einsatz oder die Aufforderung zum Solo nicht zu verpassen und zum anderen den meist improvisierten, dadaistischen Verbalausflügen des Meisters lachend zu lauschen. So entpuppt sich der Film, für den er einen Song geschrieben hat, nur als Strichmännchenporno von 1916.

„Der Ziegelstein, der Ziegelstein, der ist nicht gern am Haus allein“, reimt Helge derweil und ruft „Tee!“. Das ist das Kommando für Teekoch und Sidekick Bodo Oesterling, den Tee darzureichen. Die Untertasse hat einen Sprung, Helge schlägt sie gänzlich entzwei und entwickelt aus dem Scherbenklirren einen Skiffle – die Bühne ist sein Spielzimmer und Proberaum.

Viel Blues ist zu hören, Helge bedient sich diverser Gitarren für seine Soli zwischen Virtuosität und Infantilität, gewürzt mit unschlagbaren Sprüchen wie den zum Stimmen der Gitarre („Das mach ich mal in Ruhe zu Hause“).

Das Publikum ist begeistert, lacht sich schief ob der unvorhersehbaren Clownerie, kann aber auch ganz leise der Musik lauschen; dies ist sicherlich eine Fähigkeit, die Helge Schneider zu schätzen weiß und ihn gern an diesen Ort zurückkehren lässt.

Swingende Hits wie „Wurstfachverkäuferin“, „Katzeklo“ oder „Es gibt Reis, Baby“ dürfen in keinem Programm fehlen, der „Meisenmann“, sonst gern Basis für ausufernde Erzählungen, wird kurz gehalten, dafür aber zu einer Uptempo-Synthie-Funknummer im Kraftwerk-Sound. Herrlich auch sein seniler Schlagerauftritt zu „100.000 Rosen“ und das „Drum-Battle“ mit Schlagzeuger Willi Ketzer, bei dem sich Multiinstrumentalist Helge Schneider nicht unerwartet, aber doch bemerkenswert gut schlägt.

Der fulminante Abend im Zirkus Schneider, der bis auf kurze Momente trocken bleibt, endet leise und doch Helge-like: „Ich applaudiere an die Menschlichkeit“ formuliert er gewohnt haarscharf daneben, sucht sich einen bizarren Keyboardsound und stimmt diverse Songs von Weihnachtslied bis Eurovisionshymne an, um dann Instrument wie Bühne leicht gebeugt mit den Fingern in Tastaturhaltung verbleibend zu verlassen. Komm bald wieder, Oppa!

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