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Henning Venske Links vom rechten Stammtisch

Henning Venske präsentierte im ausverkauften Metro-Kino seinen Jahresrückblick „Das war's! War's das?“ und schaffte mit seinen Spitzen in einem zweistündigen Kommentar Übersicht in unübersichtliche Zeiten.

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Verteilte schmerzhafte verbale Seitenhiebe: Henning Venske.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Die Welt wird unübersichtlicher in diesen Tagen, in denen zwischen richtig und falsch, gut und böse, links und rechts schwer zu unterscheiden ist. In solchen Tagen wächst die Sehnsucht nach Figuren mit dem Willen, die Dinge wieder fassbarer zu machen. Dass Henning Venske dazu gehört, dafür spricht am Montag schon das ausverkaufte Metro-Kino, dessen Gäste den traditionellen Jahresrückblick „Das war's! War's das?“ des Satirikers gebucht haben. Als Sidekick des 76-Jährigen tritt zudem der Akkordeonist Frank Grischek auf die Bühne, der zunächst auf der Trompete die ersten Töne von Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra anstimmt, die Venske auf der Posaune mit schiefen Fußnoten versieht und dann erläutert: „Die Zeit steckt voller falscher Töne, Missklänge und Dissonanzen. Wir haben versucht, dem gerecht zu werden.“

Es folgt ein zweistündiger Kommentar zu den großen Aufregern des Jahres, den Venske mit stoischer Gelassenheit vom Rednerpult aus verliest. Passend dazu wirken seine ersten Pointen noch recht statisch. So fabuliert er ein Treffen Merkels mit ihren Ministern herbei und tituliert Wolfgang Schäuble als „Possenreißer“, Sigmar Gabriel als „Betriebsnudel“ oder Alexander Dobrindt als „grotesk große Brille“. Dass der Verkehrsminister dabei eine „Reisewarnung für Sachsen“ ausspricht, kann man als Treffer werten. Dass sich alle Teilnehmer zum Schluss gemeinsam eine neue Folge der Muppet Show ansehen, „die sie selbst letzte Woche gedreht haben“, wirkt dann wieder müde.

In Venskes Spitzen mischen sich kontinuierlich auch sermonische Töne. Angela Merkels Bemerkung, bei den Charlie-Hebdo-Attentätern handele es sich um „gottlose Terroristen“ kontert er mit der Feststellung: „Wären sie Atheisten oder Agnostiker, wären sie vermutlich keine Terroristen.“ Und nachdem er aufgezählt hat, wie oft das Wort „Krieg“ derzeit in Politik und Medien fällt, mutmaßt er: „Den Frieden zu denken, ist offenbar viel zu kompliziert.“ Amen.

Als Running Gag lässt der Kabarettist zwischen seinen Kommentaren keine Gelegenheit aus, seinen Musiker zu beleidigen. Dieser reagiert darauf stets mit beleidigter Miene und schönen Intermezzi auf dem Akkordeon. Nur als Venske Grischek fragt, ob er, wenn er ein Lawinenhund wäre, auch Finanzminister Schäuble retten würde, kläfft er dieser zur Antwort ein ablehnendes „Wau“.

Nachdem Hening Venske mit Bahn-Streik und Germanwings-Flug, FIFA und Olympia durch ist,  kommt er zum Finale bei den Flüchtlingen an. Und da schwillt dem sonst eher im lakonischen Tonfall lesenden älteren Herrn auf der Bühne dann doch noch einmal so richtig der Kamm. Niemand habe das Recht, sich seine Nachbarn auszusuchen, hält er den „Öko-Spießern“ aus Hamburg-Bergedorf entgegen. Ansonsten wünscht er sich, dass sich sämtliche Flüchtlinge in Dresden versammeln mögen, damit die dortigen Pegida-Demonstranten überhaupt erst einmal sehen, wogegen sie protestieren. Wer dann immer noch nix kapiert habe, der solle einfach „die Klappe halten und selbst wegziehen“, am besten in „stillgelegte Bergwerke“, lautet das Fazit des Satirikers. Merke: Links vom rechten Stammtisch ist auch noch ein Platz frei.

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