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Die zauberhafte Illusion

„The Fairy Queen“ in Lübeck Die zauberhafte Illusion

Schauspiel, Tanz, Pantomime, Musiktheater – alle Bühnenkünste vereinigt Henry Purcell in The Fairy Queen. Dass diese Semi-Oper von 1692 auch heute herrlich unterhalten kann, zeigt Regisseur Tom Ryser in seiner bei der Premiere bejubelten Inszenierung im Großen Haus in Lübeck.

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„The Fairy Queen“ in einem weiten Raum der Illusionen: Szene mit Till Bauer (Oberon), Charlotte Puder (Titania), Tänzerinnen, Chor des Theaters Lübeck und Statisten.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Schon Purcells Librettisten sprangen mit dem Stoff – Shakespeares Ein Sommernachtstraum – um, wie Musical-Texter heute: Es kommt darauf an, was beim Publikum ankommt. Das weiß auch Ryser, der Tempo macht bei den Liebeswirren der Jugend, Oberon und Puck mit süffisanter Ironie spickt und den auf zwei geschrumpften Handwerkertrupp die vieldeutige Rahmenhandlung schaffen lässt. Rysers erster Coup: Zettel und Squenz als Museumswärter von heute in die Illusion von einst einzutauchen, wobei er Steffen Kubach und zumal Andreas Sigrist (auch als Esel) einen Komik-Knaller nach dem anderen in die Kehle legt.

 Nun greifen die verschiedenen Spielebenen ineinander, geht der Betrachter mit den Protagonisten durch Spiegeltüren unversehens ins Barock und in fabelhafte Sphären, wo sich Realität und Zauber mischen. Dabei gelingt es Ryser bei allen schnoddrigen Modernismen, das höfische Lebensgefühl zu vermitteln, dem ja die Musik verhaftet ist.

 Die war, so artifiziell sie heute anmutet, zur puren Erbauung (des Königshofs) gedacht und in diesem Fall nicht als eigenständige Interpretation, sondern als Kommentar des Geschehens. So ist The Fairy Queen nur zur Hälfte Oper und verlangt die Rückbesinnung auf alte Praktiken. Die beherrschen Andreas Wolf am Pult mit Übersicht und klarem Zugriff sowie die kleinbesetzten und barockgestimmten Lübecker Philharmoniker erstaunlich gut: die stringenten, lauffreudigen Passagen mit Basso-Betonungen der Streicher ebenso wie schmetterndes Blech oder ein perlendes Flötenduo, majestätisches Grave oder volkstümliche Hornpipe.

 Daher können sich die Sänger voll auf im Opernbetrieb heute nicht oft geforderte Aufgaben konzentrieren, die sehr auf die Mechanik der Koloraturen setzen. Erfreulich sicher kullern darin die hellen Soprane von Andrea Stadel und Evmorfia Metaxaki, noch überzeugender der Tenor von Daniel Jenz, beeindruckend der Bass von Johan-Hyunbong Choi, gut geführt der Mezzo von Inga Schäfer. Und der von Joseph Feigl einstudierte Chor hat weder Schwierigkeiten mit den meist reinen Harmonien noch auf der Szene.

 Stefan Rieckhoff schafft mit wenig Mitteln und variablem Licht (Falk Hampel) einen weiten Raum der Illusionen und vertraut der Charakterisierungskraft der Kostüme: hier Prachtgewänder, dort phantasievolles Outfit der Luft- und Erdengeister, dazwischen die Nachtschattengewächse der Sänger mit bizarr gestyltem Kopfputz.

 Den über 50 Protagonisten muss auf die Sprünge geholfen werden, die Tom Ryser vor allem Puck verordnet: Als kratzbürstiger Kater assistiert Charlotte Irene Thompson dem lässigen Oberon (Till Bauer), schafft Verwirrung unter den Liebesleuten (rasende Teenies: Eva Patricia Klosowski, Anne Schramm, Julius Robin Weigel, Jörn Kolpe). Zu Rysers schönsten Einfällen zählt, Titania (wandlungsreich Charlotte Puder) statt Elfen ein Rudel stets verteidigungsbereiter Strubbelkinder zuzuordnen, mit denen sie wispernd kommuniziert. Den fantastischen Kosmos ergänzen Herzog (Jan Byl) und Egeus (Thomas Schreyer) elegant. Das verbindende Element des total kunstvollen und heiteren Ereignisses ist Lillian Stillwells moderne Choreographie mit Lara Eva Hahnel, Angela Kecinski und Wirbelwind Szu-Wei Wu.

 Wenn nach drei Stunden alle einen ausgelassenen „Ende gut, alles gut“-Reigen tanzen, hat das Publikum einen ungewöhnlichen Abend erlebt.

Von Günther Zschacke

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