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Pulsierendes Sinnesabenteuer

Herman van Veen im Kieler Schloss Pulsierendes Sinnesabenteuer

Donnerstag, Auftakt des dreitägigen Gastspiels von Herman van Veen im sehr gut besuchten Kieler Schloss. Mit sieben Musikern betritt der 71-jährige Allround-Künstler beschwingten Schrittes die Bühne, steigt ebenso beschwingt mit dem Titelsong des neuen Albums "Fallen oder Springen" ein in diesen Konzertabend.

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Als Künstler ein Riese, der aber klein genug sein kann, den Blick auf sein inneres Kind freizugeben: Herman van Veen.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Lange stehende Ovationen sind Lohn für ein emotionales Feuerwerk, das er mit seinen famosen Musikern in den mehr als zwei Stunden dazwischen entfacht. Eine pulsierende Show aus Musik, Theater, Tanz, Lesung und Erzählung in ständiger Balance zwischen Kammerpop-Ekstase und musikalischen Zärtlichkeiten. Eben noch swingte leise Jemand, da drischt Julian du Perron aufs Schlagzeug ein und es folgt ein Medley aus Que Sera, Sera, Bésame Mucho, Tutti Frutti, Roll Over Beethoven und Marina inklusive leichtfüßiger Tanzeinlagen van Veens.

 Sekunden später sind wir schon bei der autobiografischen Anekdote vom „kleinen Herman“, der sich bei der Desinfektion vor einem „kleinen Eingriff“ zu regen beginnt. Kaum ist dieser kurze urologische Ausflug beendet, wird es ganz leise klagend mit Kleines Lied und Küsschen. Omnipräsent van Veens wunderbare Gitarristin und musikalische Partnerin Edith Leerkes. Sehr einfühlsam auch das seinem langjährigen, 2014 verstorbenen Mitmusiker und Freund Erik van der Wurff gewidmete Ich lieb dich noch. Dazwischen immer wieder fulminante neoklassisch-jazzige Instrumentalpassagen, in denen die Geigerinnnen Jannemien Cnossen und Saskia Egberts, Bassist Dave Wismeijer, Gitarrist Robin Scherpen und Klarinettist Rikkert van Huiste zu Hochform auflaufen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass alle auch gute Sänger sind.

 Herman van Veen selbst spielt Klavier, Gitarre, Xylophon und Geige; liefert sich sogar einen kleinen Bogen-Fechtkampf mit seinen Musikerinnen. Denn Clown ist er ja auch, kokettiert mit seinem Alter, lässt sich nach einer Sprinteinlage im Stand zum Mikro führen, krächzt Dein ist mein ganzes Herz und fragt den jungen Rikkert, wie groß er sei: „Ein Meter neunzig“. „Ja, früher war ich auch ein Meter neunzig“. Als Künstler ist er jedenfalls nach wie vor ein Riese, der aber klein genug sein kann, den Blick auf sein inneres Kind freizugeben, sei es durch Erinnerungen an die eigene Kindheit, sei es durch Songs wie Anne für seine Tochter oder Die unbekannten Kinder, dass von leiser Anklage zu einem, von kreischender E-Gitarre befeuerten Sturm der Entrüstung wird.

 Wenn es überhaupt an diesem Sinnesabenteuer etwas zu bemängeln gibt, dann vielleicht, dass gerade im ersten Teil die Wechsel recht schnell sind, so nur flüchtige Momente bleiben, die man sich hie und da intensiver gewünscht hat. Aber wer seit 52 Jahren schreibt, singt, spielt und dichtet, für den sind etwas mehr als zwei Stunden natürlich ein sehr begrenzter Raum. Und es fehlt nicht an intensiven Momenten wie Mein Herr, das den Umgang der Religionen mit der Homosexualität kritisiert und gegenüber der Albumfassung noch dynamischer arrangiert ist. Sehr zu Herzen geht auch das 1982 entstandene Später über das gemeinsame Altwerden, das van Veen mit „früher hieß das „Später“ abmoderiert. Möge es für diesen großartigen Künstler noch sehr viel später werden.

Weitere Aufführung am Sonnabend, 20 Uhr, Kieler Schloss.

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