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Florian Lutz inszeniert Offenbach am Theater Lübeck

„Hoffmanns Erzählungen“ Florian Lutz inszeniert Offenbach am Theater Lübeck

Der provokante Avantgardist Hoffmann hat’s wirklich schwer. Um seinen Gedanken produktive Schlingensief-Flügel zu verleihen, braucht er Sex, Drugs und den Rock’n’Roll. Und je bekannter er mit seiner ungezähmten Kunst wird, umso mehr wird an ihm begehrlich gezerrt.

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Der provokante Avantgardist Hoffmann hat’s wirklich schwer.

Quelle: Theater Lübeck

Lübeck. Da gibt es die Kulturstaatsministerin, die sich als geldpotente und aufgeblasen intellektuelle Politmuse mit ihm schmücken möchte: Wioletta Hebrowska singt und parodiert sie wunderbar facettenreich. Und es gibt den verteufelt bösen Impressario Lindorf, der Hoffmann mirakulös vielgestaltig in allerlei Abhängigkeiten treiben will: Gerard Quinn mag es für diesen einnehmenden Gegenspieler des Tenorkünstlers ein wenig an bassschwarzer Abgründigkeit fehlen – an gefährlich elegant strömender Gesangskultur (Diamantenarie!) mangelt es ihm keineswegs. 

Zu allem Überfluss gibt es in Hoffmanns bierseligem Künstlerleben noch die magische Wunschfrau Stella, selber als gefeierte Mozart-Diva eine geübte Rampensau. Kein Wunder also, dass sie im Hinterbühnenbereich keine Mühe hat, dem verliebten Kreativen das gesamte Besteck verführerischer Weiblichkeit zu zeigen. Die Sopranistin Fabienne Conrad wagt und besteht die Quadratur des Gesangskreises und gibt gleich alle vier Aggregatzustände der Stella mit Geschick und Bravour: den geringschätzigen Donna-Anna-Star, die Koloratur-Explosionen der Beauty-Puppe Olympia, die Emotionskurven der labilen Antonia und das Rotlicht-Gurren der gefährlichen Liebschaft Giulietta. Chapeau!

Hoffmanns Erzählungen ist das zweite Künstlerdrama, das der Regisseur Florian Lutz nach dem politisierten Tannhäuser am Theater Lübeck gekonnt ins Jetzt oder zumindest ins gerade Gestern überdreht. Auf der aufgeräumt rotierenden Drehbühne von Martin Kukulies kann man sich gar nicht satt sehen am realen Irrsinn von Schönheitschirurgie und Fitnesscenter. Der Antonia-Akt wird dagegen zum angemessen kargen Kammerspiel, der Venedig-Trip zur wahrhaft opulent kunstvernebelten Barockparty à la Sofia Coppola. Und siehe da: All das scheint tatsächlich auch drinzustecken in Jacques Offenbachs „Fantastischer Oper“.

Im abgerockten Outfit von Kostümbildnerin Mechthild Feuerstein macht Lutz’ extrovertierte Inszenierung aus Hoffmann eine tragisch selbstzerstörerische Kunst-Ikone, die sich am Ende spektakulär entmannt, wie es die Wiener-Aktionisten-Legende um Rudolf Schwarzkogler vorgezeichnet hat: Durch Leid dringt er über die Liebe hinaus zu noch Höherem vor. Der französische Tenor Jean-Noel Briend, als Bühnentype zwischen Bjarne Mädel und Jonathan Meese changierend, lässt die Titelpartie stimmlich beeindruckend glimmen und brennen. Von der Klein-Zack-Ballade bis zur vollen Heavy-Metal-Dröhnung hat er wirklich alles „drauf“.

Zum fesselnden Erlebnis wird der freche Abend endgültig durch das Dirigat von Lübecks japanischem GMD Ryusuke Numajiri. Denn seine Philharmoniker tänzeln wunderbar leichtfüßig und doch sinnlich melodieselig und intensiv durch Offenbachs raffinierte, auf Grundlage der Kaye/Keck-Fassung geschickt zusammengestückelte Fragment-Partitur. Mit vereinzelten Buhs für die Regie und viel Jubel für das Ensemble quittiert das Premierenpublikum den kurzweiligen Drei-Stunden-Trip.

Nächste Termine am 22. Nov., 11. Dez. und 8. und 16. Jan sowie 7. und 19. Febr. Karten: 0451 / 399 600. www.theaterluebeck.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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