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Hildebrandts Zettelkasten

Walter Sittler las im ausverkauften Metro-Kino Hildebrandts Zettelkasten

Walter Sittler hat sich Dieter Hildebrandts Nachlass "Letzte Zugabe" vorgenommen und machte den Kabarettisten im ausverkauften Metro-Kino lebendig.

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Unaufdringlicher Vermittler: Walter Sittler leiht Dieter Hildebrandt seine Stimme.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Trump, Rechtentreffen, Wahlvorboten: „Wenn man sich den politischen Januar anschaut, dann wünscht man sich, dass Dieter Hildebrandt persönlich hier wäre.“ Stimmt schon, was Walter Sittler da auf der Bühne sagt im proppevollen Metro-Kino. Gut also, dass der prominente Schauspieler dem 2013 verstorbenen Kabarettisten seine Stimme leiht und Hildebrandts letztes Programm mit großer Zuneigung belebt.

 Sittler, der das Nachlassbuch Letzte Zugabe als Hörbuch eingesprochen und das Programm unter dem Titel Ich bin immer noch da noch erweitert hat, macht gleich Tempo. Er backt Trumps Hirn als Schöpfungsabfall in einen imaginären Lehmklumpen, bastelt AfD-Höcke bruchlos in Rechtsaußenkarikaturen ein, die Hildebrandt eigentlich noch der NDP gewidmet hatte. Und man staunt (oder sollte man sagen: verzweifelt?), wie bruchlos das alles funktioniert.

 Als sei die Zeit stillgestanden, war der globale Krieg zwischen Reich und Arm laut Großinvestor Warren Buffett schon 2013 in vollem Gange und die Dauerbaustelle Flughafen Berlin mit ihren Feuerlöschern bereits damals eine irre Lachnummer – nur, dass sich die Zahl der Milliardäre weltweit seither ungefähr verdoppelt hat und man sich heutzutage kaum noch an den großen An-die-Wand-Fahrer Hartmut Mehdorn erinnert. Und egal, ob die Krise der EU oder Oettingers Fettnäpfchen – alles passt, was Sittler, unterstützt von seinem hörbar glücklichen Publikum, aus Hildebrandts Zettelkasten zaubert.

 Dass auch in dem Stuttgarter Schauspieler, der im Fernsehen meistens die Netten spielt und auf der Bühne genauso sympathisch rüberkommt, ein aufmüpfiger Geist steckt, ließ schon sein Kästner-Abend ahnen. Dass er irgendwann auf den eingeschworenen Kästner-Bewunderer und -Preisträger Hildebrandt kommen musste, scheint da nur folgerichtig. Der scharfzüngig geschliffene Wortwitz, die schlagfertigen Pointen – darin zeigt sich Hildebrandt als legitimer Erbe des Autors, in dessen Münchner Kabarett „Die kleine Freiheit“ der schlesische Flüchtling in den Fünfzigern als Kartenabreißer begann.

 So mäandert der Abend, von Sittler unaufdringlich moderiert, durch Hildebrandts Lebensgeschichte, wie er sie in seiner Kästner-Preisrede aufrollte, das private Geplänkel mit Ehefrau Renate Küster, Alltagsjux wie dem Plädoyer für ein Veteranen-Casting im Fernsehen („Deutschland sucht den grauen Star“) und den punktgenau die politische Wirklichkeit sezierenden Spitzen. Und nebenbei erweist sich der Kabarettist auch als herrlich garstiger Sprachkritiker, wenn er den Imperfekt-Konjunktiv aufs Korn nimmt oder den Nachruf auf Käpt’n Iglo: „Er gab den Fischstäbchen ein Gesicht“. Und wenn eine seltene Episode mal in die Nähe des Herrenwitzes gerät, bringt Sittler auch das noch charmant rüber.

 Sittler schafft es, Hildebrandt sprechen zu lassen und dabei Sittler zu bleiben. Mit dieser fahrigen Gestik, der manchmal leicht knödeligen Stimme, die den Kabarettisten auszeichnete, den eiligen, abgebrochenen Sätzen, in denen die Gedanken übereinander purzeln, weil sie immer schneller sind als die Sprache. Spricht hier nun Sittler oder doch Hildebrandt? Egal, in gut zwei Stunden verschwimmt das Original mit seinem Medium und wird einfach zum Klassiker.

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