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Nachklang einer Katastrophe

Staatsoper Hamburg Nachklang einer Katastrophe

Das „Stille Meer“ rauscht, bäumt sich auf und mündet in ein dröhnendes Perkussionsgewitter. Der japanische Komponist Toshio Hosokawa ist dem Auftrag der Staatsoper Hamburg nachgekommen, dem Grauen von Fukushima, dem großen Beben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe einen (Nach-)Klang zu geben.

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Auf der abstrahierten Weltscheibe mit ihrer japanischen No-Theater-Brücke ins Jenseits versuchen Haruko (Mihoko Fujimura, li.) und Stephan (Bejun Mehta), auf die untröstliche Claudia (Susanne Elmark) einzuwirken.

Quelle: dpa

Hamburg. Aus dem grauen Bühnenhimmel baumeln Leuchtröhren wie glühende Brennstäbe. Ein Robotermännchen beteuert mit blecherner Computerstimme unablässig und alles andere als beruhigend, man befinde sich in gesicherter Zone. Das Stille Meer rauscht, bäumt sich auf und mündet in ein dröhnendes Perkussionsgewitter. Der japanische Komponist Toshio Hosokawa ist dem Auftrag der Staatsoper Hamburg nachgekommen, dem Grauen von Fukushima, dem großen Beben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe einen (Nach-)Klang zu geben. Hosokawa zieht dabei in bewährter stilistischer Balancierung von West und Fernost alle Orchesterregister – vom aggressiven Dröhnen bis zum hörbar gemachten Flirren der unsichtbar Radioaktivität – und Hamburgs neuer Generalmusikdirektor Kent Nagano steuert sie mit den Philharmonikern in Sachen Klangtiefe und Farbspektrum eindrucksvoll aus. Entsprechend positiv beeindruckt fällt die Reaktion des Publikums nach etwas mehr als anderthalb Stunden der Uraufführung aus. Hosokawa hat ein verstörendes Bild der Erinnerung in Musik eingefroren, voller Schönheit im Erschauern der ewigen Natur und voller Schrecken im individuellen und kollektiven Schicksal der Menschen.

 Die tiefe Erschütterung der modernen Welt wird in der unfassbaren Trauer der deutschen Mutter Claudia gespiegelt, die zwar gerade noch den realen Fukushima-Tod ihres japanischen Lebensgefährten, nicht aber den ihres Sohnes Max annehmen kann. Der japanische Regisseur Oriza Hirata platziert sie deshalb zwischen Leben und Tod, Weltscheibe und Nirgendwo (Bühne: Itaru Sugiyama): als ruhelos Umherirrende auf einer Brücke, die das No-Theater zitiert. Am Tag der traditionellen „O-higan“-Zeremonie, wenn die Fischer zum Gedenken an die Verstorbenen Lampions auf dem Wasser treiben lassen, versuchen ihr deutscher Exfreund und die Schwester des getöteten Lebensgefährten, sie mit buddhistischen Beschwörungsformeln ins wahre Leben zurückzuholen – vergeblich. Der Chor der Fischerdörfler, der etwas betulich à la Benjamin-Britten-Realismus von Aya Masakane kostümiert ist, aber musikalisch enorm reizvoll in einer Art „close harmony“ changiert, hat dazu die ewig offenen Was-wäre-wenn-Fragen parat.

 Seine große Schwäche hat das letztlich zeitlose Musiktheater allerdings gerade im deutschsprachigen Textbuch (Hannah Dübgen) und seiner stockenden Durchbuchstabierung in monoton simplen Monodien. Die Dialoge wirken auf diese Weise oft extrem papieren. Über jeden ansatzweise expressiveren Ausbruch ist man prompt heilfroh, zumal hier auf grandiosem Niveau gesungen wird: die dänische Koloratursopranistin Susanne Elmark brennt mit ihrer faszinierend intensiven Laserstimme als Claudia Anklage-Menetekel in die verstrahlte Tristesse; der Alte-Musik-Star Bejun Mehta beschwört sie als deutscher Kindsvater Stephan in maximal schönen, raumgreifenden Countertenor-Tönen, die Realitäten anzuerkennen; und Bayreuths bewährte Kundry Mihoko Fujimura verleiht der Schwägerin Haruko eine herbe Eindringlichkeit, wie sie nur große Mezzosoprane zu bieten haben.

 www.staatsoper-hamburg.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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