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Raritäten der Klaviermusik begeistern

Husum Raritäten der Klaviermusik begeistern Raritäten der Klaviermusik begeistern

Ja, wer ist denn nun der „Star“ bei der allsommerlichen Konzertwoche mit Raritäten der Klaviermusik, die Klavieromanen gerade wieder aus dem In- und Ausland in den Ritter­saal des Husumer Schlosses lockt? Natürlich ist es das Programm – denn hier gibt es unter Live-Bedin­gungen zu erleben, was im üblichen Konzert-, Event- und Starbetrieb fast nie zu hören ist.

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Bei seinem erfolgreichen Husum-Debüt mit absoluten Raritäten der Klaviertrio-Literatur ging das „Hyperion Trio“ mit Elan zur Sache.

Quelle: Felix Broede

Husum. „Stars“ sind aber ebenso die Pianisten und Pianistinnen, die aus verstaubten, vergessenen, bestenfalls aus Archiven oder dem Internet beziehbaren Noten das machen, was Musik vor allem ist: klingendes Ereignis. „Star“ ist schließlich das Klavier selbst: Es ist der Inbegriff der romantischen Zehnfinger-Herrschaft über eine ganze Vorstellungswelt. Und ganz konkret ist es in Husum das von Steinway/Berlin gestellte, vom Konzerttechniker Thomas Hübsch optimal betreute Instrument – diesmal eines, das mächtig klingen, ja dröhnen kann und zugleich ein buttrig weiches, höchst substanzvolles Pianissimo bietet.

Die Errungenschaften des Klavierspiels haben seit dem späteren 18. Jahrhundert auch die Klavierkammermusik geprägt. So ist es erfreulich, dass mit Mitteln der „Art Mentor Foundation Lucerne“ seit 2014 jeweils auch zwei Kammerkonzerte mit Klavier als Plus-Programm angeboten werden. Zur Eröffnung spielte am Freitagabend im gut besuchten Rittersaal das „Hyperion Trio“ (Hagen Schwarzrock, Klavier; Oliver Kipp, Violine; Katharina Troe, Violoncello) – ein Ensemble, das auf dem Podium und im Aufnahmestudio schon immer Standardrepertoire und Rares gleichermaßen gepflegt hat. Anders als im letzten Jahr das etwas spannungsarm musizierende „Trio Wanderer“ gingen die „Hyperions“ mit Elan zur Sache: Die jugendliche Suite op. 19 des heute weithin vergessenen Paul Graener, der im frühen 20. Jahrhundert einer der renommierten deutschen Komponisten war, sich später aber allzu gemein mit den Nazis machte, stammt von 1905, ist in seinem aparten gartenmusikalischen Leichtgewicht also noch unbeschwert von solchen Schatten. Im Mittelsatz erinnert es mit seinem Wechselgesang an Brahms‘ „Verstohlen geht der Mond auf“ und wurde von den drei Musikern mit Verve und in schöner Feinabstimmung interpretiert. Ein wahrhafter Fund war das 1884 entstandene Klaviertrio F-Dur op. 3 des hierzulande kaum bekannten Franzosen Camille Chevillard, das noch der Ersteinspielung harrt: Seine kammermusikalische Ernsthaftigkeit wird durch walzerhafte Bewegungsfreude aufgelockert und im spielerischen Finale keck zugespitzt. In seiner Spielfreude steht es dem geistvollen Saint-Saëns näher als dem grüblerischen Fauré. Es hält Pianisten in fingerflinker Dauerbeschäftigung und gibt den Streichern reizvolles melodisches Futter. Diese Aufgabe gingen die drei Musiker mit Können und mit Herzblut an, vielleicht aber auch noch mit einem gewissen Überdruck, der das Klavier klanglich etwas (zu) stark dominieren ließ. Perfekt war die Triobalance dagegen im Hauptwerk des erlebnisreichen, anhaltend gefeierten Abends: Die fünfsätzige Trio-Phantasie des österreichischen Komponisten Joseph Marx, ein leicht gigantomanischer Fünfundvierzigminüter, bietet sozusagen Jugendstil in Sahnesoße: eine ehrgeizige Architektur, bei der der massive Anfangssatz in den letzten beiden Sätzen reprisen- und variationshaft wieder aufgegriffen wird (im regerisch-robusten Finale allzu länglich). Der langsame Satz singt amourös, ja erotisierend, und das Scherzo klingt wie ein Frühlingsgemälde in Öl. Da wird im Kopfsatz mal motivisch a la Brahms ächzend gearbeitet, mal modernistisch dissoniert. In den ersten drei Sätzen singen die Streicher so süffig, dass man meint, vorübergehend in eine Strauss-Oper gebeamt worden zu sein. Dieses kräftezehrende Opus hatte das „Hyperion Trio“ mit allen denkbaren Charakter- und Lautstärkeschattierungen bewundernswert im Griff – mit Kipps feinem, doch steigerungsfähigem Geigenton, Troes natürlicher Cellointensität und Schwarzrocks husumkompatibler Virtuosität. Gegenüber der eindrucksvollen CD-Einspielung des Ensembles (cpo) war noch ein erhebliches Plus an Flexibilität, Unbedingtheit und Ausdruckskraft zu verzeichnen. Starker Applaus, zwei Zugaben (Woyrsch, Schumann/Palme).

Mit einem pianistischen Paukenschlag begann das Samstagskonzert, mit dem die Raritätenwoche in den Soloklavier-Modus wechselte. Charles-Valentin Alkans Grande Sonate op. 33 („Les quatre âges“) von 1847 erscheint wie für Husums Raritätenkonzerte gemacht: Höchst-Virtuosität, die in grenzsprengenden Ausdruck umschlägt, eine Klaviersprache, die im zeitlichen Umfeld Liszts, Chopins und Schumanns in keine (und schon gar keine deutsche) Stilschublade passt, eine zu Experiment, Ironie und Übersteigerung einladende Kompositionsidee (vier Lebensstationen zwischen 20 und 50 Jahren) führen zu einem Werk, das man in üblichen Abokonzerten vergeblich sucht. Der junge russische Pianist Yuri Favorin war der rechte Ritter ohne Furcht und Tadel, um ein solches Klavier-Schlachtross zuzureiten. Den postpubertär-quirligen 1. Satz, die Gefühls- und Gedankenexplosionen des 2. Satzes („Quasi Faust“) meisterte er pianistisch so frappierend, das heißt todesmutig und erfolgreich, wie es unter Live-Bedingungen überhaupt möglich ist. Dem 3. Satz mit seiner Familienidylle gab er schöne Ruhe (wenn auch vielleicht nicht die mitschwingende Ironie) und dem prometheischen Schlusssatz („Prométhée enchainé“) Licht und Dunkel existenzieller Verzweiflung. Ob das geforderte „extrem langsame“ Tempo hier zu bewegt war, könnte man diskutieren. Immerhin aber weiß man heute, dass „langsam“ für Romantiker oft nicht so schleppend-breitgewalzt war, wie es heute oft zelebriert wird. Dass Favorin sich im 2. Satz die nahezu unspielbare mystisch raunende Fuge streckenweise handlicher machte, führte aber doch zu einem Spannungsabfall. Nikolaj Mjaskowskys herbe 3. Sonate (die mit „Sozialistischem Realismus“ wenig gemein hat), Karol Szymanowski entzückend zwischen Romantik und Moderne balancierende Etüden op. 4 und Prokofjews entzückend burschikose Etüden op. 2 boten Favorin keine entscheidenden Hürden - nur fehlten seinen Tastendressuren manchmal die Zwischentöne zwischen massivem Forte und milchigem Pianissimo. Fazit : ein (etwas einseitig) packendes Konzert mit drei Zugaben (Tschaikowsky, Chopin/Liszt).

Da bot Florian Uhligs Konzert am Sonntagabend gleich in den ersten zehn Minuten von Schumanns Allegro op. 8 mehr Zwischentöne, ein weit stärker sprechendes Klavierspiel, als man es abends zuvor vernommen hatte. Dass der Pianist eine Gesamteinspielung von Schumanns Klavierwerk in Arbeit und ein wirkliches Faible für diese Musik hat, spürte man in jeder Phrase. Das Improvisatorische dieses Sonaten-Torsos, die drängenden Passagen, die konstruktive Bedeutung des Dreitonmottos - all das brachte er treffend zum Klingen und rehabilitierte ein oft unterschätztes Stück. Im Kopfsatz von Schumanns g-Moll-Sonate op. 22 machte Uhlig überzeugend hörbar, dass Schumanns Forderungen „So rasch wie möglich“, „Schneller“ und „Noch schneller“ keine unpraktikablen Fantasiegeburten waren, sondern realisierbar sind. Wunderbar ruhig entfaltete sich nach solchem Sturm das variationsartige Andantino. Das ursprünglich abschließende Presto passionato war Schumanns junger Pianistenbraut Clara Wieck „viel zu schwer“, sodass ihr Bräutigam es (leider) durch ein handlicher stürmendes Finale ersetzte. Allerdings merkte man auch Uhligs Spiel das Tückische des fantasisch-feingliedrigen Satzes an – da ging’s dann eher ums Durchhalten als um Lautstärke- und Tempo-Feinheiten. Insgesamt aber modellierte der Pianist die Sonate als intelligentes Heißblut-Werk: sprich kompetent. Erhellend war an seinem Programm, dass Schumans Musik von Werken zweier seiner Anreger umgeben war. Johann Nepomuk Hummels Polonaise „La bella capricciosa“ erklang apart, aber im Tempo überzogen: Eine Polonaise ist eher Schreit- als Schnelltanz. So waren Charme-Verluste zu verbuchen. Umso überzeugender meisterte Uhlig die 3. Sonate d-Moll op. 49 Carl Maria von Webers – also ihren gerade auf modernen Flügeln heiklen Klaviersatz, ihre Charakterwechsel zwischen Wildheit und Innigkeit, zwischen Lapidar-Unwirschem, Lied- und Opernhaftem. Das war eine imponierende Interpretation – und ein imponierendes Husum-Debüt! Viel Beifall, drei Zugaben (Beethoven, Schumann, Mendelssohn). Husums Raritätenwoche 2015 startete vielversprechend!

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