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Spannend neue Lesart

Ibsen am Landestheater SH Spannend neue Lesart

„Achtung, Spoiler“ möchte man ausrufen, was bei einem allseits bekannten Klassiker wie Henrik Ibsens Baumeister Solness eigentlich absurd klingt. Am Ende stürzt der Titelheld aufgrund von Überheblichkeit und Selbstüberschätzung von einem Turm und stirbt. Weiß manches Schulkind. Nicht so bei der denkwürdigen Inszenierung am Landestheater von Reinhard Göber.

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Licht und Frische in sonst eher seelenloser Umgebung: Thyra Uhde als Hilde Wangel mit Stefan Hufschmidt als Baumeister Solness.

Quelle: Foto: Henrik Matzen

Schleswig.  Der Stoff wurde ohne Rücksicht auf Verluste in die Gegenwart gezogen, das Komische im Dramatischen herauspräpariert, Figuren verändert. Es wurden ganze Textpassagen und aktuelle kulturpolitische Bezüge hinzugedichtet. So wurden ganz explizit und an mehreren neuralgischen Stellen des Abends die Schauspielkunst und die leidvolle Debatte um einen Theaterneubau in Schleswig thematisiert. Dafür aber wurde viel Ibsen weggelassen (mit Kaja Fosli sogar eine ganze Figur). Entstanden ist eine spannende, packende, moderne, am Ende aber auch reichlich rätselhafte Lesart des Stoffes.

 Kühl ist es im Hause Solness. Ein strenges Design mit klaren Linien prägt den Raum, keine Bilder an den Wänden, kein Zierrat, kein Leben, „öde und leer“ (Bühne: Kerstin Laube). Der Baumeister, den Stefan Hufschmidt bravourös als erfolgsverwöhnten, kaltschnäuzigen, aber dennoch verletzbaren und dadurch wie ein Hund um sich beißenden Emporkömmling präsentiert, trägt längst Designeranzüge und Rollkragenpulli. Trotzdem nagt es an ihm, dass erst der Brand des Elternhauses seiner Frau Aline, durch den ihm ein großes Grundstück zufiel, seinen wirtschaftlichen Aufstieg ermöglichte. Infolge des Brandes starben auch seine beiden Kinder. Solness empfindet eine diffuse Schuld an den Ereignissen, erstickt dieses Gefühl aber durch Arbeitswut, Egoismus und Geld. Und aus Sorge, von der Jugend irgendwann doch überflügelt zu werden, verweigert er seinem todkranken Angestellten Knut Brovik (wie immer souverän: René Rollin) und dessen aufsteigendem Sohn Ragnar (Christian Simon als cooler Architektur-Hipster) alle Chancen auf selbstständige Projekte.

 Des Baumeisters Frau Aline irrlichtert in einem Alkohol-Nebel und in teuren Klamotten (Kostüme: Xenia Hufschmidt) durch das sterile Luxushaus ihres Mannes. Karin Winkler spielt diese tief verletzte, traumatisierte aber immer um einen Rest Würde kämpfende Frau mit großer Eindringlichkeit. Ein wenig Trost spendet ihr der Galerist Dr. Herdal (schön durchgeknallt: Deniz Ekinci). In diese Situation stolziert die junge arbeitslose Schauspielerin Hilde Wangel, von Thyra Uhde hinreißend zwischen Vamp, Girlie und Göre anlegt, und fordert von Solness, sein vor zehn Jahren gegebenes Versprechen einzulösen, ihr ein Theater (!) zu bauen. Für Momente bringt sie aber Licht und Frische in die so seelenlose Umgebung.

 Ganz anders als bei Ibsen kommt es nun zum Architekten-Wettbewerb zwischen dem von Hilde getriebenen Solness und Ragnar um den Bau-Auftrag. Solness scheint gewonnen zu haben, doch dann verursacht Ragnar per Knopfdruck auf seinem Laptop eine gewaltige Explosion, die der Zuschauer wie in einem Video-Spiel erlebt. Solness stirbt durch Fremdeinwirkung? Wollte er ermordet werden? Was wurde eigentlich gesprengt? Das Rathaus, das Solness wieder mal begünstigte? Das Wohnhaus der Familie Solness? Gar schon das neue Theater? Soll das Fundament des Dramas, bei dem es um Jugend und Altwerden, Ehrgeiz, Versagensängste, Verlust und das ewige Streben nach (zwischen-) menschlichem Glück geht, buchstäblich in die Luft gejagt werden? Viele Fragen. Eine radikale Umdeutung ist dieser Schluss allemal. Aber vielleicht auch ein Irrtum. Donnernder Applaus.

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