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"Wildente": Jeder auf seine Weise blind

Schauspiel Kiel "Wildente": Jeder auf seine Weise blind

Abweisend die Fassade aus weißgräulichen Holzplanken, die Fenster schwarz verhängt: Hier wird manches unterm Deckel gehalten, davon erzählt die Bühne für Die Wildente im Schauspielhaus Kiel. Katrin Lindner ist zum Spielzeitauftakt eine schwermütig leichte Inszenierung gelungen.

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Bezwingende Ausstrahlung

Psychositzung auf der Couch einer vermeintlich heilen Familie: Hedvig (Nurit Hirschfeld) zwischen Vater Hjalmar (Felix Zimmer) und Mutter Gina Ekdal (Agnes Richter, re.).

Quelle: Olaf Struck

Kiel.  Die Liebschaft vom alten Werle, seine Unterstützung für den alten Ekdal, dem ehemaligen Kompagnon, der irgendwannd wegen Betrugs im Knast landete. Und was war eigentlich mit Gina, der Frau vom jungen Hjalmar Ekdal? War die nicht einst bei Werle angestellt und auch mal seine Geliebte? Nebulöse Geschichten, die das Personal vom Balkon heruntertratscht, eingehüllt in den Rauch der E-Zigaretten und eine norwegische Weise, die Nurit Hirschfeld wundervoll wehmütig von den Lippen tropft.

Der Gesang gibt den Ton vor für Katrin Lindners schwebend schwermütige Inszenierung von Henrik Ibsens 1884 entstandenem Drama, zwischen Sehnsucht, Traum und Aussichtslosigkeit. Bald geht der sehr skandinavische Feengesang zum eintönig hämmernden Klavier (Nurit Hirschfeld, Marco Gebbert und Christian Kämpfer) über auf Hedvig, Hjalmars Tochter, die zum Dreh- und Angelpunkt wird im Karussell der Heimlichkeiten, mit ihrer Sorge um die verletzte Wildente oben auf dem Dachboden und weil sie vielleicht doch nicht Hjalmars, sondern Werles Tochter ist. Und die großartige Nurit Hirschfeld lässt dieses Papa-Kind herzzerreißend heimatlos über die Bühne geistern, mit blinzelndem Blick und kleinen zuckenden Vogelbewegungen ein rettungslos verlorenes Kind.

Daneben agieren die Erwachsenen um die dunklen Flecken in ihren Lebensläufen herum, ist jeder auf seine Weise blind. Gina, die die Herkunft ihres Kindes lieber im Unklaren lässt. Hjalmar, der zu träge ist, seinen Gönner zu hinterfragen. Ekdal, der sich auf dem Dachboden der Illusion früherer Jagd-Abenteuer hingibt. Dabei sind die Lebenslügen und Geheimnisse der Kitt, der die Gemeinschaft zusammenhält und das Leben für manchen erst lebbar macht. Bis einer hineinplatzt nach jahrzehntelanger Abwesenheit – Werles Sohn Gregers, Hjalmars Kumpel. Die überzählige Nr. 13 am Tisch der Abendgesellschaft, auch er blind in seiner unangebrachten Wahrheitsliebe. Oliver E. Schönfeld stellt ihn mit sicherem Gefühl für den falschen Moment in die Situationen. Ein Wahrheitssucher wie ferngesteuert, der eigentlich bloß nach einem eigenen Sinn sucht im Leben.

Es liegt eine große Mattigkeit über der Geschichte, in der so viel geflüstert, gemauschelt und geschlichen wird. Mal vor, mal hinter der Fassade, wo Bühnenbildner Alexander Wolf ein Provisorium zwischen TV-Kulisse und Containerheim eingerichtet hat. Hjalmars Wohnung, zusammengehuscht aus dem, was gerade da war: auffällig unauffällige Vorhänge, Wellblech und ein paar alte Möbel. In etwa wie sein Leben – und ein Resonanzraum für das Drama der Verfehlungen, das Ibsen angezettelt hat.

Katrin Lindner setzt dem mit ihrem spielfreudigen, genau geführten Ensemble eine große Klarheit entgegen, stellt die Figuren immer wieder einander gegenüber wie in der Psychositzung, als wolle sie sie zum Reden zwingen. Als könnte es das geben, Aussprache und Klärung. Und da entpuppen sie sich in ihrer jämmerlichen Verlorenheit. Hjalmar, den Felix Zimmer zwischen Familiendespot und weinerlicher Unentschiedenheit einspinnt. Agnes Richters pragmatische Gina, die dann doch so verstört durch die Geschichte irrlichtert. Der alte Werle, dem Volker Weidlich die wachsende Ahnung seiner Verfehlungen einbaut. Und Werner Klockows Ekdal in seinem Verschlag ein Mann am Rande der Realität.

Es gibt keinen Ausweg aus der Verstrickung. Der Realitätssinn von Claudia Machts Frau Sörby zerschellt an der Konvention. Und Relling, der die Lebenslüge als Heilmittel zum Leben hochhält, zeigt Christian Kämpfer als das, was er ist: ein Besserwisser, der sich die Dinge gern leicht macht. So lotet der Abend feinfühlig wie verstörend das Dilemma zwischen wahrem und falschem Leben aus. Und wenn Gregers schließlich nach dem Schuss die Arme hochreißt, in der festen Überzeugung, die Situation gerettet zu haben, dann ist das ein Moment von großer grotesker Traurigkeit.

Schauspielhaus Kiel. Termine am 29. September, 11., 13., 26., 28. 29. Oktober. Kartentel. 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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