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Schicksale zwischen Dokumentation und Drama

Uraufführung im Schauspiel Schicksale zwischen Dokumentation und Drama

Ich-Flüchtling, das im sehr gut besuchten Studio des Schauspiels Kiel Uraufführung feierte, ist ein Tanz auf der Rasierklinge. Angesichts der mörderischen Gründe für die globale Herausforderung vielleicht ein zu reißerischer Einstieg in eine Rezension.

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Flucht aus dem Kriegsgebiet: Karwan Ramadhan Jamiel, einer der Darsteller.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Aber der Abend, den Regisseur Uwe Dag Berlin und Dramaturgin Claudia Steinseifer mit Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Jemen erarbeiteten, macht es einem nicht leicht. Will er wohl auch nicht.

 Eingebettet in die Rahmenhandlung einer Art Talkshow (blendend „moderiert“ vom Schauspieler und Musiker Filip Grujic) erzählt das mit Unterstützung der zentralen Bildungs- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten in Kiel entstandene Stück von den Lebenserfahrungen von Flüchtlingen, die hier zum ersten Mal auf einer Theaterbühne stehen. Es sind die Geschichten von Elina Mohamed, Saif Ahmed, Imal Ibrahimkhel, Hassen Al-Thamarani, Husein Darwich, Karwan Ramadhan Jamiel. Sechs Menschen, sechs Schicksale, sechs Dramen. Der Horror des Kriegs in Aleppo, eine Odyssee von Afghanistan nach Europa, der Kontrast zwischen dem Traum von Freiheit und der ernüchternden Realität deutscher Paragraphen.

 Die direkte Konfrontation mit dem Erlebten ist erschütternd und packend zugleich. Und so herrscht im Publikum meist eine fast atemlose Spannung. Irgendwann erzählt einer der großartigen Protagonisten, dass seine Flucht auch viele private Facetten berührt, über die er auf dieser Bühne nicht berichten möchte. Verständlich, aber schade. Denn genau dass wären die Aspekte, die einen umfassenderen Einblick in das Schicksal der Flüchtlinge ermöglichen könnte.

 So kann sich der Abend nicht entscheiden, dokumentarisch oder dramatisch zu sein. Teil dieses Problems ist ein von Karwan Ramadhan Jamiel hervorragend inszenierter Film, der im Stück eine prominente Rolle spielt. Die entsetzlichen Bilder der Gräueltaten, auch des IS, nachzustellen, zu schneiden und mit Musik zu dramatisieren, hat seine Wirkung. Aber durch ihren Spiel-Charakter relativieren die Szenen die nicht in Worte zu fassenden Bilder in unseren Köpfen. In der Physik nennt man so ein Phänomen destruktive Indifferenz. Mehrere Wellen überlagern sich so, dass sie sich gegenseitig auslöschen.

 Gleichwohl ist Ich-Flüchtling ein berührendes, wichtiges Stück Theater, das mit wundervollen Menschen glänzen kann.

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