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Anarchie und Kontrolle

Trevor Davies über Städte Anarchie und Kontrolle

Seit 1974 ist Trevor Davies in Dänemark zum zentralen Kulturvermittler geworden. Der Engländer entwarf 1996 das Kulturprogramm für Kopenhagen als europäische Kulturhauptstadt und leitet dasselbe aktuell in Aarhus. Am Rande einer Veranstaltung der Grünen Kiel zur Stadtkultur ergab sich ein Gespräch.

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Stadtmensch und visionärer Denker: Trevor Davies.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Sie sind Stadtplaner und Kulturvermittler. Was tun Sie als erstes, wenn Sie in eine fremde Stadt kommen?

Ich laufe viel. Ich renne praktisch durch die Stadt, 15, 20 Kilometer am Tag. Und ich nehme keine Karte mit. Ich laufe die Straßen rauf und runter und versuche, die Struktur zu verstehen. Ich versuche, mich zu verlaufen und wieder zurück zu finden. Auch in meinen Workshops mache ich oft erstmal eine Jogging-Tour.

Und wie war in Kiel Ihr erster Eindruck?

Ich war schon in Gaarden unterwegs und in der Wik. Beide Gegenden sind sehr unterschiedlich – gemeinsam ist ihnen die Beziehung zum Wasser, zum Hafen. Auf den ersten Blick teilt die Förde die Stadt; aber es könnte doch interessant sein, sie als verbindendes Element zu sehen. Am Wasser kann man sich die ganze Stadt erlesen. Das Erbe des Schiffbaus, der Marine und der Industrie.

Ganz fremd ist Ihnen die Stadt ja ohnehin nicht?

Nein, ich war in den Neunzigern schon zweimal hier. Damals gab es Bemühungen um eine Partnerschaft zwischen Kiel und Århus. Seltsamerweise bin ich außerdem in Kiel geboren. Meine Mutter kam aus Danzig und landete hier, bevor sie nach Großbritannien kam.

Sie sind besessen von dem Phänomen Stadt. Warum?

Das weiß ich gar nicht so genau. Ich bin in London groß geworden und bin dort immer im East End herumgewandert. Ein fantastischer Ort. An Städten reizt mich der Wandel, die Zeichen der Veränderung und die Möglichkeit zur Konfrontation. Das Berlin der Neunziger war spannend, weil da die Baustellen waren. Alles war ein bisschen außer Kontrolle. Deswegen mag ich auch Städte wie Marseille oder Istanbul. Weil es dort diese Balance gibt aus Anarchie und Kontrolle. Heute ist alles zu perfekt, zu strukturiert in den Städten. Wir haben vergessen, das Städte Orte der Gegensätze sind.

Was macht ihre Bedeutung genau aus?

Städte sind das, was wir gemeinsam haben. Wir gehen dieselben Straßen, in dieselben Parks und Gebäude. Die Stadt ist ein demokratischer Raum. Und auch das ist eine Aufgabe der Kunst – dass, was auf der Straße passiert, anders zu beleuchten. Die Stadt ist für mich ein komplexes Stück Kunst, in dem wir leben. Es ist die komplexeste Kunstform, die wir kreiert haben.

Wie gut müssen Sie eine Stadt kennen, um sie zu gestalten?

Man muss eine Stadt wirklich gut kennen, um etwas zu bewegen. In Amsterdam war ich einmal für drei Monate Artist in Residence. Und ich hatte zwei Bedingungen: ein Fahrrad und genügend Geld, um Leute zu Frühstück, Mittagessen oder Dinner einzuladen. Dann habe ich einen Monat lang 90 Leute an 90 unterschiedlichen Orten getroffen, geredet und gegessen. Da ging es nicht um die tollsten Restaurants – wir haben auf Booten gepicknickt und in der Straßenbahn Sandwiches gegessen. Auch ein Weg, eine Stadt kennenzulernen.

Städte haben sich in den letzten Jahrzehnten fulminant verändert. Und die Zentren scheinen zusehends zu veröden.

Das treibt mich seit vielen Jahren um: Wie holt man das Leben zurück in die Stadt? Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Leben im Öffentlichen Raum auf 20 Prozent reduziert. Stattdessen gibt es Einkaufszentren, Internet, Fitness-Center. Eine funktionierende Stadt ist für mich ein wichtiger Teil der Demokratie. Es geht nicht ums Reden oder Wählen – es geht um physische Teilhabe. Als ich 1996 in Kopenhagen arbeitete, war das eine echte Lehrstunde in Sachen Veränderung. Dort wurde ein Ja-Büro eingerichtet, das den Weg durch die Instanzen bündelte und alles genehmigte, was nicht an der Praxis scheiterte. In zehn Jahren Arbeit am Open Space sind die öffentlichen Aktivitäten um 500 Prozent gestiegen. Die Idee haben wir in Aarhus fortgesetzt, mobile Strukturen eingerichtet, die die Leute nutzen können. „Kleine Rebellionen“ heißt der Oberbegriff für die Kunstinterventionen in der Stadt. Übrigens hat Teilhabe noch einen Aspekt: Je mehr Leute man in der Stadt hat, desto weniger Kameras braucht man. Es macht den Ort sicherer.

Sie haben in den Siebzigern als Stadtplaner in Manchester angefangen. Wie sind Sie von da nach Dänemark gekommen?

Als ich in Manchester anfing, war ich gerade 22 und gehörte mit zwei Kommilitonen zur ersten Generation von Stadtplanern, die mit Computern umgehen konnte. Dort fand ich mich bald in einer Doppelrolle wieder – in der Woche arbeitete ich für die Stadt und plante die „Motorcar City“, am Wochenende mit den Protestlern, die um ihre Lebensräume bangten. Da stand Wertsteigerung gegen Nachbarschaft, und es hat mich wirklich zerrissen. Irgendwann habe ich falsche Daten eingebaut, die das Projekt gebremst haben. Nach fünf Jahren war die Idee passé.

Das war ja ziemlich erfolgreich.

Stimmt. Aber dann dachte ich: Was ist, wenn sie das rauskriegen? Und da bin ich abgehauen nach Skandinavien.

Welche Rolle spielt die Kultur in ihrem Versuch, die Stadt wieder zu beleben?

Kultur ist die Basis, um die Stadt zu verstehen. Kulturelle Institutionen und kreative Leute haben die Möglichkeit, Orte menschlich und lebbar zu machen. Siehe Kopenhagen: Wenn Sie dort Leute fragen, welche Orte ihnen etwas bedeuten, bringen die einen Sie ins Tivoli, andere nach Christiania und dritte in ihre Gartenhütte. Von diesen gibt es Tausende, die Leute können im Sommer darin leben und sie so herrichten, wie sie wollen. Und sie lieben Sie. Da bekommt der Begriff Nachbarschaftsviertel eine Bedeutung. Und das brauchen wir: starke Nachbarschaften.

Birgt das nicht auch die Gefahr der Ghetto-Bildung?

Ghettos wollen wir nicht. Es ist wichtig, dass die Unterschiede sichtbar sind und die Orte gleichzeitig offen für das Andere. In New York oder London funktioniert diese Kombi von Offenheit und Vernetzung. Auch Gaarden könnte so ein Ort sein. Dort leben viele Türken. Und anstatt zu sagen: Da gehen wir nicht hin, muss man die Stärken entdecken. Natürlich finden Leute, die dieselbe Sprache sprechen, zusammen. Kultur aber verbindet über die eigenen Grenzen hinaus.

Haben Sie eine Lieblingsstadt?

Ich liebe Marseille, ich mag den arabischen Einschlag. Von Kopenhagen sagt man, sie sei die lebenswerteste Stadt in der Welt. Und das stimmt auch. Ich wohne in Nørrebro und habe ein Büro am Hafen. Dort brauche ich nur die Treppen hinunter zu gehen, kann in mein Kajak steigen oder gleich losschwimmen.

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