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Ziellos ins Schwarze getroffen

Ingo Pohlmann in Kiel Ziellos ins Schwarze getroffen

Der Weg ist das Ziel – gerade in den Songs von Liedermacher Ingo Pohlmann auf seiner „Zurück zu von selbst“-Tour, bei deren vierter Station er am Sonnabend ins gut besuchte Max-Nachtheater kam und fast immer ins Schwarze traf.

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Der Liedermacher Ingo Pohlmann war mit seiner „Zurück zu von selbst“-Tour in Kiel zu Gast.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Dabei hat der Mann eine so blonde Mähne, die er rockig schüttelt oder sich von der verschwitzten Denkerstirn streift, dass man denken könnte, er wäre nur einer dieser Singer/Songwriter, die den Schlager ganz neu beleben. Ist er auch, denn die meisten Refrains kann das Publikum mitsingen, wenn es nicht eh den Rhythmus mitklatscht, den Drummer Rainer „Kallas“ Hubert trommelt, oder selig mitschwärmt, wenn Hagen Kuhr das Cello streicht.
 
Doch Pohlmann ist mehr als der, den er hier eingängig, mitklatsch- und -singbar gibt. Nicht nur wegen des Adlers, der schattenspielerisch wie viele von Pohlmanns Songs über allem und auf seiner „unplugged“ Gitarre die Flügel breitet. „Gestern war ein Mörderabend in Lübeck“, schwärmt er – in Kiel soll es nicht anders sein. Denn „Wenn es scheint, dass nichts gelingt“, und er auch mal den Text vergisst, ist das Publikum umso dichter an seiner Seite. Pohlmann hisst darin zwar „die Fahne des Verlierers“, gewinnt aber stets in den ersten Akkorden die Herzen. Nicht nur im fulminant gerockten „Starwars“, auch in der „sehr speziellen Version“ des „Single In The Rain“. Pohlmann weiß, wie man Rock zu Pop macht und umgekehrt. Darin ist er wohl Meister des derzeitigen deutschsprachigen Liedermachings, spürt, aus welchen Pop-Früchtchen man den Most des Rock’n’Roll – wie des guten alten Folk – presst.
 
Dass das zuweilen „Ziellos“ wirkt wie im gleichnamigen Lied, erweist sich als wortspielende „Ich ziehe los“-Stärke ständiger Suche. Solche kultiviert Pohlmanns Poesie, zwar nicht ohne Liebesballadenkitsch, dennoch mit einer Innerlichkeit, die auch im Headbanger-Modus der gewehten Blondmähne betört. Wenn das Cello anfängt zu singen, setzt er dessen traumhafte Tunes fort – begleitet von Szenenapplaus und chorischem Mitsingen des Publikums.
 
„Mädchen und Rabauken“ sind darin an der selben Liederfront wie „im Ozean schwimmende Vögel“ und durch die über solchen Emotionswellen gebreitete Himmel „Fliegende Fische“. Pohlmann verbindet Gegensätze zu einem Ganzen, das die „Steine im Weg“ wegräumt – genauer: zu Meilensteinen einer Liedermacherkunst macht, die am Wegesrand stehend den Rock im Pop markieren und so über ihren manchmal engen Balladenhorizont hinausweisen.
 
Pohlmann weiß aus ins Lied gelebter Erfahrung um die flatterhaften Schwalben an der „Bordsteinbar“, um die Nacht, die in ihrem Rausch die Lieder „Zurück zu dir“ gebiert – aus jener und in jene Unvernunft aller Kunst. Darin lässt sich „Atmen“ und die kleinen Geschichten am Rande erzählen, die ihm als jahrelanges Tresenwesen manches allzu Menschliches nahelegten, das zum Lied wurde: Im Downbeat wie im frisch befröhlichten Uptempo von „Wenn es Sommer wär’“, das am Abend eines der ersten Tage des Frühlings wie Verheißung klingt. Denn der Weg ist das Ziellose und trifft damit mitten ins Schwarze seiner selbst.

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