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Luft unter den Flügeln des Gesangs

Nordkolleg Rendsburg Luft unter den Flügeln des Gesangs

Friederike Woebcken, an der Bremer Musikhochschule renommierte Professorin für Chorleitung und Leiterin des Madrigalchor Kiel, gibt am Nordkolleg Rendsburg einen Intensivkurs für Dirigenten.

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Der Chordirigent Matthias Staut erhält anregende Körpersprache-Tipps von Friederike Woebcken (sitzend).

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Rendsburg. „Das ist krasse Musik und deshalb darf man auch keine Angst vor Extremen im Körperausdruck haben“: Friederike Woebcken, Musikhochschulprofessorin für Chorleitung in Bremen, begeistert sich für die Intensität in allen Lautstärkegraden, die Max Reger in seine Motette O Tod, wie bitter bist Du hineingearbeitet hat.

 Jetzt muss sie im Intensivkurs Chordirigieren am Nordkolleg Rendsburg aber auch wieder rausgelassen werden. Deshalb gefällt der erfolgreichen Leiterin des Madrigalchor Kiel auch die Faust, die Adrian Büttemeier einsetzt. „Aber ihre linke Hand ist manchmal abwesend“, hat sie bei dem Detmolder Studenten der Evangelischen Kirchenmusik beobachtet. „Dirigieren sie ruhig lauter, zeigen sie mehr Zug, packen sie den Auftakt energisch an wie ein Kätzchen, das nicht aufs Sofa soll.“

 Woebcken wünscht sich allemal auch Entspannung, die „Zeit zum Atmen“ und den „Mut zur Zäsur“, da ein Chor ja keine Maschine, sondern eher ein Organismus wie ein Mensch sei. „Doch müssen sie die Männerstimmen danach noch mit der linken Hand in Spannung halten, wenn die Frauen einsteigen.“ Nur so behalte der Übergang seine zwingende Intensität.

 Die Professorin, die hier ganz am evozierten Klang arbeiten und auf gänzlich andere Weise auf die Teilnehmer eingehen kann als auf ihre Studenten an der Hochschule, entdeckt ganz unterschiedliche Qualitäten. In der Stuttgarter Chorleitungsstudentin und Sängerin Mareike Kottmann sieht sie eine „Meisterin der kleinen Teile“, die aber gefährlich schnell ins Treiben gerate, wenn die Musik heftig wird. Und die gerne im Schlusschoral „O Tod, wie wohl tust du“ mit einem Lächeln mimisch mehr Freundlichkeit anbieten darf: „Stellen sie sich vor, sie haben einen Cocktail getrunken und schweben durch eine wunderschöne Landschaft.“

 Ulrich Hein ist als Hauptamtlicher Kirchenmusiker an St. Martin in Nortorf und zuvor langjährig an der Klosterkirche Bordesholm eigentlich schon längst allem Studentischen entwachsen. Kein Grund, sich im Kurs nicht noch weiter verbessern zu lassen. Woebcken lobt seine kraftvollen Fortimpulse, wünscht ihn sich aber gerade im Fall Reger „wilder, nicht so kontrolliert“. Sie ermutigt den gestandenen Dirigenten alle Festigkeit im Rumpf zu binden, die Arme aber „wie Zweige im Wind an einem Baum“ maximal beweglich zu halten. Indem Hein dabei den Tipp umsetzt, „Luft unter die Flügel zu lassen“, sprich die Ellenbogen vom Körper frei zu machen, verändert sich tatsächlich der Klang des solistischen Sängerensembles positiv. Gestern Abend, als die vereinigten Stimmen von Woebckens Madrigalchor Kiel als lebendiges und im ausgewählten Repertoire bereits vorab geschultes Gewebe hinzukam, wird das garantiert noch deutlicher geworden sein.

 Das Abschlusskonzert des Madrigalchor Kiel unter der Leitung der Kursteilnehmer mit a-cappella-Werken von Mendelssohn, Reger, Norman, Alfvén, Mäntyjärvi und Sandström ist am Sonntag, 6. März 2016, um 17 Uhr in der Christkirche Rendsburg geplant.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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