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Mareike Krügel über unseren Roman

Interview Mareike Krügel über unseren Roman

Es kommt so einiges zusammen an diesem einen Tag für Katharina, berufstätige Mutter zweier Kinder. Mareike Krügel erzählt davon in ihrem Roman „Sieh mich an“. Das Buch erscheint in unserer Zeitung als Fortsetzungsroman. Ruth Bender traf die 1977 in Kiel geborene Autorin in Boren an der Schlei.

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"Sieh mich an" ist der vierte Roman von Mareike Krügel.

Quelle: Marco Ehrhardt

Boren. „Ich will nicht sterben und ich will nicht durch diese Tür gehen.“ Im ersten Satz des Romans prallen das Existenzielle und das Alltägliche aufeinander. Worum geht es in „Sieh mich an“?

Die Gegenüberstellung ist entscheidend. Ich habe eine Situation gesucht, die das Potenzial hat, jemanden aus dem prallen Leben zu reißen. Ich wollte über Familie schreiben und darüber, wie alles auf einen einstürmt, so dass man ständig improvisieren und reagieren muss: Das Nasenbluten der Tochter, der verletzte Nachbar, das Etwas in der Brust oder der brennende Trockner.

Das klingt einerseits dramatisch und gleichzeitig ziemlich komisch. Wie haben Sie es geschafft, dass die Geschichte keine Depression wird?

Etwas zu schreiben, das nicht auch witzig ist, hätte ich wohl nicht ausgehalten. Einer meiner Antriebe zu schreiben, ist es, die Dinge auszuleuchten, Situationen in ihrer Tiefe zu begreifen. Und da erscheint mir oft sehr richtig, was Karl Valentin sagt: Alles hat drei Seiten – eine positive, eine negative und eine komische.

„Sieh mich an“, das flirrt zwischen lakonisch und dringlich. Woher kommt der Titel?

Damit die Menschen sich gut fühlen im Leben, ist es wichtig, dass sie wahrgenommen werden, wie sie sind. Aus diesem Gedanken ist er entstanden. Das war mein Arbeitstitel. Den brauche ich als roten Faden, an dem ich mich entlang schreiben kann. Und obwohl wir im Verlag über sechs Wochen und mehrere Din-A-4-Seiten etliche Titel ausprobiert haben, ist es bei „Sieh mich an“ geblieben.

Wer war zuerst da: die Figur Katharina oder die Geschichte?

Ich glaube, die Figur. Es gab zwar die Grundidee, dass man im Leben selten als Solitär herumsteht, sondern mit so vielen anderen Menschen verbunden ist. Alle hängen mit allen so zusammen, dass sich keiner bewegen kann, ohne dass das gesamte System ins Wanken gerät. Daraus kam mir diese Figur entgegen. Sie hat bestimmt, wie die Geschichte laufen soll. Und ich konnte sie befragen.

Die treibende Kraft ist die Angst der Protagonistin vor dem Brustkrebs. Überhaupt ist der Tod in Ihren Büchern sehr präsent.

Anfangs hatte ich gar nicht die Idee, über das Sterben zu schreiben; das hat sich erst in der Planung ergeben. Der Tod existiert hier ja erstmal nur als Möglichkeit. John Irving hat mal gesagt, dass er über das schreibt, wovor er Angst hat. Das trifft auch auf mich zu. Erst versuche ich, herauszufinden, wovor ich Angst habe und dann versuche ich, so darüber zu schreiben, dass ich keine Angst mehr habe.

Funktioniert das?

Ja, sehr gut. Ich denke alles gern durch. Und wenn es irgendetwas gibt, das in diesem Leben unausweichlich ist, dann möchte ich vorher ein bisschen darüber nachgedacht haben. Über Katharina habe ich auch für mich klären können, was es bedeutet, Bilanz zu ziehen. Und was für ein gelungenes Leben wichtig ist.

Was ist das?

Die Frage ist doch, ob ein Leben überhaupt gelingen muss. Die Balance zu finden zwischen dem Verstricktsein mit Anderen, ohne sich verfilzen zu lassen, darum geht es. Einen guten Platz in der Gemeinschaft haben, aber nicht abhängig sein.

Haben Sie für sich eine Entscheidung getroffen, wie es für Katharina ausgehen wird?

Mhmm … Kristof Magnusson hat mir einmal gesagt, dass die Bedrohung im Text die ganze Zeit mitschwingen muss. Wenn ich als Autorin spüre, dass die Katastrophe passieren kann, dann ist es richtig. Dann bekommt die Geschichte eine Spannung. Katharina hat außerdem diese Vorbelastung mit Brustkrebs in der Familie – weshalb für sie so klar ist, wie ernst die Sache ist. Das war beim Schreiben die Lösung, dass ich diese Gefahr wirklich ernst genommen habe.

Katharina fasst den Alltag gern in Listen – in der Literatur ist das seit Nick Hornby doch eigentlich den Männern vorbehalten?

Listen sind ein Weg, das Leben zu strukturieren. Aber es ist schon so: Die coolen Listen haben die Männer, die Frauen machen Einkaufslisten. Ich selbst muss auch immer sehr viel aufschreiben, auf Zeitungsränder, Zettel oder ins Tagebuch. Weil sich der Alltag sonst darauf legt und die Gedanken weg sind, handschriftlich. Das handschriftliche Schreiben macht etwas im Gehirn, schreibt die Gedanken dort ein.

Der Roman bewegt sich ständig am Rand der Katastrophe. Sie erzählen das mit einer Beiläufigkeit, die ins Satirische lappt.

Ich glaube, das Leben ist so. Ich habe es nur auf einen sehr überschaubaren Zeitraum begrenzt. Die Pausen zwischen den Ereignissen habe ich nicht miterzählt. Dadurch wirkt es so zugespitzt. Aber wenn man die Leben der Leute betrachtet – dann muss ich gar nicht übertreiben.

Fürchten Sie eigentlich den Vorwurf „Frauenroman“?

Die Trennung von Literatur für Männer und Literatur für Frauen finde ich relativ anstrengend. Deshalb bin ich froh, dass es auch Männer gibt, die mit dem Buch etwas anfangen können.

Sie haben selbst zwei Kinder. Können Sie den Schalter zwischen Schreiben und Alltag umlegen?

Leider ganz schwer. Eigentlich gibt es nichts besseres zur Erdung, als dass die Kinder einem entgegen kommen und Hunger haben. Aber ich bin nicht gut darin, die Übergänge zu gestalten. Seit kurzem mache ich Yoga mit Youtube und rolle nach dem Schreiben erstmal meine Iso-Matte aus. Das scheint zu funktionieren.

Interview: Ruth Bender

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