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„Flaschenpost macht süchtig“

Interview mit Autor Oliver Lück „Flaschenpost macht süchtig“

Quer durch die Ostseeländer ging die Reise von Oliver Lück – von Bornholm bis Lettland, von Laboe bis in die Schären vor Karlskrona. Immer auf den Spuren des Phänomens Flaschenpost, dem der Journalist und Fotograf aus Henstedt-Ulzburg – stets mit dem VW-Bus und Hund Locke unterwegs - über Jahre gefolgt ist.

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Birute Kerve in ihrem Garten in Nida, Lettland.

Quelle: Oliver Lück

Henstedt-Ulzburg. In Ihrem Buch kommen etliche Flaschenpost-Absender zu Wort – erinnern Sie sich noch, wo und wann Sie Ihre erste Flaschenpost zu Wasser gelassen haben?

Das muss in meiner Kindheit gewesen sein, Anfang der Achtziger in einem Familienurlaub auf Nordstrand. Die Erinnerung daran ist aber mehr ein Gefühl als ein klares Bild. Wir haben damals eine Fährfahrt zur Hallig Hooge gemacht, und da habe ich zusammen mit meinem Vater eine Flaschenpost geschrieben. Leider haben wir bis heute noch keine Antwort bekommen.

Während Ihrer Recherche zu „Flaschenpostgeschichten“ waren Sie dann erfolgreicher.

Ich habe selbst zwanzig Flaschenposten losgeschickt. Rund um die Ostsee, immer da, wo ich gerade unterwegs war. Drei Antworten kamen zurück. Zwei aus Lettland, wo ich die Flaschen auch ins Wasser geworfen hatte. Die dritte war ziemlich kurios: Sie kam genau ein Jahr später auf einen Brief, den ich vor Fehmarn von der Fähre Kiel – Klaipeda geschmissen hatte. Und zwar von einer Hafenmeisterin eines Segelvereins in Cuxhaven. Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass es die Flasche durch den Nord-Ostsee-Kanal oder gar durch Kattegat und Skagerrak geschafft hat. Da muss es einen anonymen Flaschenpostkurier gegeben haben.

Wird man eigentlich süchtig nach Flaschenpost?

Ganz ehrlich: ein bisschen schon. Es ist ein magischer Moment, wenn die Flasche im Wasser landet, wenn sie noch ein paar Sekunden herumdümpelt, bevor man sie aus den Augen verliert. Das ist in unserer schnelllebigen Zeit ein Augenblick der Pause. Alles ist ja mittlerweile durchgetaktet und digitalisiert: twittern, mailen, liken und so weiter. Eine Flaschenpost ist da etwas ganz Anachronistisches und gerade deshalb ein starkes Symbol. Sie hält mal kurz die Zeit an. Und sie ist ein Abenteuer. Wer selber mal eine verschickt oder gefunden hat, der weiß das.

Eine bunte Auswahl: Oliver Lück ist begeistert auf der Suche nach Flaschenpost.

Quelle: Oliver Lück

Haben Sie eine gefunden?

Ja. Ich habe sogar gezielt danach gesucht. In Lettland. Fünf Tage lang. Und man kann sich gar nicht vorstellen, was dort an den oft menschenleeren Stränden für Müll angeschwemmt wird. Ich musste hunderte Flaschen in die Hand nehmen, bis ich mal eine mit Post entdeckt hatte. Der Moment des Findens ist dann wie ein Geschenk, wie ein Schatz. Die Nachricht kam übrigens aus Deutschland, von drei Kindern, die auf Rügen Urlaub machten.

Die Funde sind für Sie zum Ausgangspunkt für ganz unterschiedliche Menschengeschichten geworden. Haben Sie die auch gesucht oder einfach gefunden?

Der Auslöser war die eher zufällige Begegnung mit einer alten Dame in Lettland im Sommer 2008. Sie sammelte alles, was die Ostsee an den Strand spült, und machte herrlich skurrile Kunst daraus. Sie hatte einen riesigen, mit Strandgut geschmückten Garten. Und sie zeigte mir  fast 40 Flaschenpostbriefe, die sie in zwanzig Jahren am Strand vor ihrer Haustür gefunden hatte – ohne je darauf geantwortet zu haben. Das hat mich angestachelt. Ich wollte wissen, was für Menschen hinter diesen Briefen stecken.

Die Recherche hat sich dann zu einer Art Schneeballprinzip verselbstständigt?

Das stimmt. Gleich der erste Absender, den ich anschrieb, war ein Mann, der auf Rügen lebt. Er erzählte mir von seinem Hobby: Flaschenpost schreiben. Und er hatte tatsächlich schon über 30 Antworten aus sieben Ländern bekommen. Eine kam von einem alten Leuchtturmwärter von Bornholm, der seit 1971 mehr als 200 verkorkte Postwurfsendungen gefunden hatte. Viele aus DDR-Zeiten. Und so hatte ich 200 weitere Geschichten zur Auswahl. So ging das immer weiter. Am Ende hatte ich rund 300 Flaschenpostbriefe gelesen. Etwa 100 Absender habe ich kontaktiert. Und dann bin ich losgefahren, um die Menschen zu besuchen.

Es ist aber kein Sehnsuchtsbuch rund um Flaschenpost geworden.

Nein, die Lebensgeschichten, die ich erzähle, sind zum Teil sehr ernst, auch traurig, manchmal märchenhaft oder mysteriös. Mich hat vor allem fasziniert, dass das ganz einfache Leute sind, die ein zum Teil ganz einfaches, bescheidenes Leben führen, aber dennoch ganz große Geschichten zu erzählen haben. Und am Ende nimmt man als Leser hoffentlich das Gefühl mit, diesen Menschen tatsächlich begegnet zu sein.

Neben den Menschen haben Sie auch Themen rund um das Meer im Blick, wie Klimawandel oder Umweltverschmutzung.

In dem Buch „Flaschenpostgeschichten“ erzählt er jetzt von der Lust am Abenteuer, vom Innehalten und von den sehr bemerkenswerten Menschen, die ihm dabei begegnet sind. Der Wind kommt hier bei uns im Norden ja oft aus Westen und treibt alles, was im Meer schwimmt, gen Osten. Man kann sich gar nicht vorstellen, was wir Menschen da alles reinwerfen: Fernseher, Kanister, Kühlschränke, Lkw-Reifen, Neonröhren und vor allem Plastik. Die Ostsee ist die größte Müllkippe Europas. Und auch eine Flaschenpost ist in gewisser Weise ja Müll, allerdings auf eine sympathische Art, wenn das geht – Sondermüll eben.

Flaschenpost-Briefe in ganz unterschiedlichen Formen.

Quelle: Oliver Lück

Haben Sie deshalb einen Flaschenpost-Automaten erfunden?

Ich wollte den Urlaubern alles an den Strand bringe, was man für eine schöne Flaschenpost so braucht. Meist fehlt ja die Flasche, der Korken, ein Stift oder ein Zettel. Das alles kann man sich ziehen. Dann habe ich den Automaten im Hochsommer ein Wochenende lang an die Ostsee gestellt und gewartet. Es gab die unterschiedlichsten Reaktionen: Manche bepöbelten mich als Umweltverschmutzer. Anderen waren zwei Euro zu teuer. Ein Mann schwamm weit hinaus, um sicher zu gehen, dass seine Flasche nicht gleich am nächsten Strand landen würde.

Immer wieder laufen in Ihrem Buch die Fäden in Kiel zusammen – vom Buddelschiff-Experten bis zum Geomar-Wissenschaftler …

Vom Beginn der Recherche bis zum Erscheinen des Buches sind ja fast acht Jahre vergangen. Und tatsächlich hat sich Kiel dabei als eine Art Hauptstadt der Flaschenpost entpuppt. Es waren sehr viele Briefe aus Schleswig-Holstein dabei, auch aus Kiel, Heikendorf oder Laboe. In der Förde wurde ja vor zwei Jahren eine über 100 Jahre alte Flaschenpost gefunden, die viel Wirbel ausgelöst hat. Die kam aus der Kaiserzeit, aus einer anderen Welt, und hat auf dem Grund der Ostsee zwei Weltkriege überstanden. In Kiel habe ich außerdem einen Mann getroffen, der einen wunderbaren Flaschenpost-Blog schreibt und sich die schönsten Gedanken über dieses Phänomen macht. Für mich ist er der Flaschenpost-Poet und –Philosoph.

Mit einer Flaschenpost beginnen ihre Geschichten. Viele haben Sie zu Ende erzählt, einige sind offen geblieben. Stört Sie das?

Überhaupt nicht. Das ist ja das Magische an einer Flaschenpost, dass man keine Ahnung hat, was damit passiert, wohin sie treiben wird. Auch in meiner Recherche macht das Nicht-Planbare die Geschichten aus. Das Meer hat sie mir ja praktisch vor die Füße gespült. Ich musste nur auswählen. Und plötzlich zieht sich ein roter Faden durch die Ostsee, der Menschen miteinander verbindet – von dem Strandgarten einer alten Dame in Lettland bis nach Rügen, Dänemark, Russland, Schweden und bis nach Kiel.

Oliver Lück: Flaschenpostgeschichten. Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee. Rowohlt Verlag, 240 Seiten, 9,99 Euro. 14. April, 19 Uhr, Lesung in der Buchhandlung Almut Schmidt, Friedrichsort, Zum Dänischen Wohld 23. Alle Lesetermine unter: www.lueckundlocke.de.

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