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Kunstturnen mit Wort und Ton

Interview mit Bodo Wartke Kunstturnen mit Wort und Ton

„Mir riet schon meine Mutter keck, / fahr’ doch mal nach Lutterbek! / Denn dort im schönen Lutterbeker / schmeckt nicht nur die Butter lecker!“, schüttelreimte der Musikkabarettist Bodo Wartke via Twitter wenige Stunden vor seiner an vier Abenden ausverkauften Lutterbek-Vorpremierenserie seines neuen Soloprogramms „Was, wenn doch?“.

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Bodo Wartke bei der Vorpremiere von „Was, wenn doch?“ im Lutterbeker.

Quelle: Björn Schaller

Lutterbek. Das dieser Tage auch auf CD herausgekommene Songpaket hat am kommenden Montag offizielle Uraufführung im Schmidts Tivoli Hamburg. In der Probstei fand Wartke Zeit für ein Interview.

Mal aus norddeutscher Perspektive gefragt, da Sie ja häufig in ihrer Geburtsstadt Hamburg und in Schleswig-Holstein auftreten: Abgesehen von der Konfitüre – wieviel Bad Schwartau steckt noch im Wahlberliner Bodo Wartke?

Auch wenn ich mir momentan nicht vorstellen kann, wieder in Schwartau zu leben, merkt man mir an, dass ich von da komme. Es hat mich geprägt und ich habe dort sehr gute Freunde gefunden. Deshalb taucht Bad Schwartau auch in mehr als einem Lied auf. Mir ist die norddeutsche Art zu sprechen sehr ans Herz gewachsen. Ich mag das Land und die See.

War das etwas Besonderes, jetzt schon im zweiten Jahr beim Schleswig-Holstein Musik Festival auftreten zu dürfen?

Na klar. Seit meiner Kindheit war das ein Traum von mir. Ich hatte den damals aber schon als völlig abwegig verworfen. Umso mehr hat mich gefreut, dass er Realität wurde.

Dieser Tage testen Sie ihr neues Soloprogramm im vier mal ausverkauften Lutterbeker, zuvor gab es schon Vorpremieren in Berlin und – erstaunlicherweise – in Bern ... weil die Schweizer dort so schön bedächtig reagieren?

Tun sie gar nicht. Das ist ein Klischee, das selbst in der Schweiz gepflegt wird. Die Berner Mundart wirkt halt sehr gemütlich. Aber sie haben manchmal ein Wort, für das wir im Deutschen drei benötigen. Mit der kürzeren Sprache können sie sich dann mehr Zeit lassen. Im La Cappella Bern trete ich sehr gerne auf. Es hat mich interessiert, ob die Reaktionen anders sind als hier. Aber es zeigte sich: Jeder Abend dort war allein schon komplett einzigartig. Insofern gibt es „das“ Schweizer und „das“ Norddeutsche Publikum gar nicht. Der Lutterbeker ist aber in jedem Fall ein Kleinkunst-Mekka, das in ganz Deutschland seines Gleichen sucht.

Gibt es eine zentrale Botschaft im neuen Soloprogramm?

Fast allen Liedern liegt der Gedanke zugrunde, dass Dinge auch klappen können, die man vorher nicht für möglich gehalten hat. Aber selbst wenn sie nicht klappen, hat man es wenigstens versucht.

Das trifft besonders auf den Song „Das falsche Pferd“ zu, der auf Ihrer Homepage schon anzuhören ist.

Genau. Das ist der Kulminationspunkt.

Wie pessimistisch ist Bodo Wartke? Gerade das „falsche Pferd“ ist ja doch deutlich mit melancholischem Unterton versehen?

Den melancholischen Unterton empfindet man nur dann, wenn man sich selber in diesem Sinne bisher etwas nicht getraut, etwas sich versagt hat, was man eigentlich liebt. Ich bin eigentlich selber sehr optimistisch. Mir sind zum Beispiel im Bezug auf die eigene künstlerische Arbeit solche Negativgedanken fremd. Wenn ich ein neues Programm präsentiere, habe ich da große Lust darauf. Ich bin neugierig auf die Reaktion der Leute. Manche Kollegen schleppen sich aber mit den allergrößten Sorgen in dieser Situation herum: Was, wenn es den Leuten nicht gefällt? Was, wenn ich den Themen keine neuen Facetten abgewinnen kann? Noch ist es nicht zu spät, was Vernünftiges zu lernen: Ich könnte ein BWL-Studium beginnen ... Mir aber fällt auf: Ich denke über so etwas nicht nach. Trotzdem sind mir natürlich auch Sachen misslungen. Allemal bin ich dann froh, dass ich es hab’ darauf ankommen lassen. Dann schimmert auch mal Melancholie in den Liedern durch – etwa dort, wo Liebesbeziehungen gescheitert sind, obwohl man alles versucht hat. Das Thema ist ein weites Feld.

Es gibt einen hübschen Cartoon auf Ihrer Homepage, wo die Producer plötzlich die Idee haben, ein paar Liebeslieder wegzulassen. Bodo rastet aus deswegen ...

(lacht) Ja, genau. Wie im zweiten Programm „Achillesverse“ sind wieder sehr viele Liebeslieder enthalten. Würde man die weglassen, wäre der Abend nicht mal halb so lang.

Ist „Blues, Baby, Blues“ die deutsche Version?

Im Programm und auf der CD ja. Aber es gibt inzwischen englische Versionen. Und deshalb gibt es die als Bonustitel auf der Homepage. Das Interessante ist, dass gerade dieses Lied auf Englisch genausogut funktioniert wie auf Deutsch, was den Wortwitz betrifft. Ich habe das in Schweden ausprobiert. Und ich arbeite derzeit an einem komplett englischsprachigen Abend.

Wir Fans müssen ja jetzt irgendwie damit zurechtkommen, dass es zwar ein neues gibt, aber zugleich schon wieder mit „Noah war ein Archetyp“ ein Abschied von einem älteren Programm dräut, der dann am 2. September kommenden Jahres im Hamburger Stadtpark vollzogen werden soll. Ist das ein Selbstreinigungsprozess?

Das hat nur logistische Gründe. Dadurch, dass es immer mehr Programme werden, schaffe ich es nicht mehr, sie alle auf hohem Niveau zu spielen. Ich liebe meine Programme aber alle sehr. Es macht vor allem Spaß sie eine zeitlang nicht mehr vorzuhalten und dann neu zu entdecken. Es stellt sich ja immer die Frage: Wie oft darf ich damit auftreten, damit es mir noch Spaß macht. Bislang hatte ich da ein gutes Gefühl dafür. Und die Lieder sind ja oft nicht ganz weg, es gibt ein Wiederhören im neuen Klanggewande – mit Orchester. Der Hamburger Stadtpark ist ein toller Ort, das Programm noch mal richtig abzufeiern. Das handhaben Kollegen ganz unterschiedlich: Manche machen jedes Jahr was Neues, andere spielen seit Beginn ihrer Karriere immer das Gleiche.

Wahrscheinlich ist ja auch der geschlossene Werkcharakter bei der engen Wort-Ton-Beziehung beim Klavierkabarett ausgeprägter, während reine Wortkünstler leichter variieren können, oder?

Das könnte sein, zumal ich ja nicht im engeren Sinne ein politischer Kabarettist mit entsprechendem Aktualitätsanspruch bin. Aber auch das Schaffenstempo ist auf allen Seiten sehr, sehr unterschiedlich. Ich finde grundsätzlich, dass Musik den Text, der an sie geknüpft ist, haltbarer macht. Musik wertet ihn auf und macht ihn memorierbarer. Man kann sich Songtexte auch besser merken als ein Gedicht, weil man zugleich die Melodie im Kopf hat. Mir geht das jedenfalls so.

Wird es weitere Projekte mit dem Capital Dance Orchestra geben?

Wir haben da Lust drauf, auch wenn es nicht einfach ist, weil wir ja kein Best Of orchestrieren, sondern die dramaturgische Konsistenz des Ablaufs erhalten wollen, die sonst meine Abende unterschwellig prägt. Es fehlt uns im Moment leider noch etwas das Publikum dafür. Die Nachfrage nach meinen Soloprogrammen ist dagegen ungebrochen groß. Mit Orchester ist das Publikum zaghafter – gerade, wenn sie mich am Klavier kennen. Sie fragen sich: Ob das funktioniert? Diejenigen, die sagen „Was, wenn doch?“ sind aber hellauf begeistert, weil sie mich so noch nie gesehen haben. Wir sind im kommenden Jahr viel auf Tournee ... Jeder, der es gesehen hat, möge es doch bitte allen Verwandten und Bekannten empfehlen!

Woher kommt es eigentlich, dass Sie so erstaunlich gut tanzen können?

Swingtanzen ist mein größtes Hobby. Das mache ich seit ein paar Jahren. Steptanz habe ich vorher schon gemacht. Wenn es mich überkommt – auch mal in der U-Bahn (lacht). Meine Vergangenheit als Kunstturner weist vielleicht schon auf eine gewisse körperliche Koordinationsfähigkeit hin. Manche Musiker haben ja sonst schon Schwierigkeiten damit, von links nach rechts über die Bühne zu gehen.

Auf der Homepage geben Sie Tipps zu anderen Künstlern, empfehlen die Wise Guys oder Tante Polly. Warum erlebt man eigentlich nie, dass Sie auch Songs großer Vorbilder wie Georg Kreisler oder Friedrich Hollaender singen?

Mich hat das nie gereizt. Ich möchte mit eigenen Ideen auf der Bühne stehen. Kreisler war für mich eine große Offenbarung, was alles möglich ist mit der deutschen Sprache. Aber gerade Kreisler kann eben niemand so gut singen wie Kreisler. Ich wollte schon immer das Eigene präsentieren. Das ist auch der Grund, warum ich einst mein Musikstudium abgebrochen habe. Ich sollte lernen, wie man interpretiert. Zum Eigenen hat mich dort niemand geführt. Das konnte ich mir nur selber beibringen. Ich beschäftige mich gerne dann mit anderen Komponisten, wenn sie mir zufällig auf meinem Weg begegnen. Und dann mache ich mich auch entsprechend schlau. So habe ich auch meinen Weg zu Schiller gefunden, den ich in der Schule wahnsinnig langweilig fand. Erst als ich später ein Lied geschrieben habe, in dem Wilhelm Tell eine Rolle spielte, wollte ich der Sage auf den Grund gehen. Dann habe ich auch die Schiller-Variante für mich entdeckt. Übertragen heißt das auch: Nicht weil, sondern obwohl ich Musik studiert habe, bin ich Klavierkabarettist geworden.

Aber Ihr pianistisches Niveau ist allemal erstaunlich hoch. Da muss man sich ja auch die Fingerfertigkeit erhalten. Schleicht sich da nicht manchmal doch eine Beethoven-Sonate ins Üben?

Momentan betexte ich witzigerweise ein Präludium und eine Fuge aus dem „Wohltemperierten Klavier“ von Bach. Nicht weil es pianistisch sinnvoll ist, sondern weil es mir Spaß macht. Früher habe ich viel geübt, aber mit weniger Freude. Jetzt übe ich weniger, aber mit maximaler Freude – und besserem Klangergebnis. Bei Musik geht es ja gerade jenseits von technischer Perfektion um den Ausdruck von Lebensfreude.

Bodo Wartke: Was, wenn doch? Neue CD offiziell ab 18. September im Handel. Vorab mit Bonus-Tracks zum Download im Internet unter: www.bodowartke.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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