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Lügen sind wie Pilze

Interview mit Hanne-Vibeke Holst Lügen sind wie Pilze

Ihre Themen sind die Familie und die Rolle der Frau in der modernen Gesellschaft ebenso wie deren politische Kehrseite. Hanne-Vibeke Holst, 1959 in Nordjütland geboren, hat das in ihren Romanen (Seine Frau, Die Kronprinzessin) immer wieder beleuchtet und dafür Preise wie den Goldenen Lorbeer (2009) erhalten.

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Auch politisch ist Schriftstellerin Hanne-Vibeke Holst eine wichtige Stimme in Dänemark.

Quelle: www.miklosszabo.com

Kiel. Auch in Das Mädchen aus Stockholm (Piper Verlag) geht es um Familie und Politik. Morgen eröffnet die Autorin damit in Kiel den dänischen Literatursommer.

In „Das Mädchen aus Stockholm“ erfährt man einiges über den dänischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg und dänisch-schwedische Verbindungen. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Politik und Macht haben mich immer schon interessiert, vor allem aber, wie persönliche Beziehungen da hineinspielen. Die Idee zu dieser Familiengeschichte ist auch von meiner eigenen inspiriert – auch in unserer Familie kam irgendwann heraus, dass es ein paar falsche Väter gab. So habe ich begonnen, darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn man so eine Lüge in der Familie hat.

Im Roman scheint sich die Lüge von Großmutter zu Mutter zu Tochter weiter zu vererben?

Ja, das stimmt. Meine Erfahrung ist: Je mehr man sich bemüht, die Lüge zu verbergen, desto größer wird sie. Das ist wie mit Pilzen in einem Keller – je dunkler es ist, desto besser gedeihen sie. Verborgene Geheimnisse können also desaströse Folgen für die Familie haben und sich über Generationen fortsetzen.

Auch das politische Engagement von Großvater Thorvald entlarvt sich zum Teil als Lüge.

Mich hat fasziniert, wie sich Lügen in der Politik multiplizieren. Was ist da genau im Zweiten Weltkrieg passiert? Mein Großvater war wie Thorvald im Widerstand gegen die Nazis, musste nach Schweden fliehen und die Familie zurücklassen. Bis heute gibt es Familien, die das nicht zugeben wollen. Meine Folgerung ist: Versteck die Geheimnisse nicht, sprich sie aus.

Die verschiedenen Zeitebenen Ihres Romans spiegeln diese Verwicklungen und sich vervielfältigenden Geheimnisse. Haben Sie sich jemals zwischen diesen Handlungssträngen verlaufen?

Ich bereite immer sehr viel vor, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Ich verwende viel Zeit auf die Recherche, lese, führe Interviews. Diesmal musste ich mich in den Zweiten Weltkrieg einarbeiten. Auch in das Thema Oper. Dafür habe ich zwei Monate in Berlin gelebt, die Stadt eingeatmet. Und es gibt eine sehr lange Liste von Leuten, mit denen ich gesprochen habe. Als ich damit fertig war, habe ich die Geschichte sehr straff durchkonstruiert. Verloren habe ich mich darin nicht.

Ihre Protagonistin Helena ist Intendantin der Deutschen Oper Berlin; außerdem nehmen Sie Bezug auf Hans Neuenfels‘ umstrittene „Idomeneo“-Inszenierung, die 2006 Intendantin Kirsten Harms verantwortete. Haben Sie mit ihr gesprochen?

Nein, persönlich habe ich sie nicht getroffen. Ich war bei ein paar offenen Proben in der Deutschen Oper dabei und habe sie dort als Moderatorin erlebt. Mich hat dieser Typ Frau interessiert, die international renommierte Opernintendantin. Ich habe ja viel über Frauen geschrieben, die Macht ausüben. Und meine Helena und Kirsten Harms sind solche Frauen.

Aber Helena ist auch Opfer in dieser Familiengeschichte.

Klar, sie wird von ihrem Vater belogen. Das ist schmerzlich – denn für mich ist es ein Grundbedürfnis, Sicherheit darüber zu haben, wer unsere Eltern sind. Nicht umsonst brechen Adoptivkinder auf, um ihre wahren Eltern zu suchen. Das ist ein starker Antrieb. Wenn wir keine Klarheit bekommen über unsere Herkunft, kann das einen sehr dunklen Schatten auf unser Leben werfen.

Warum ist die Herkunft so wichtig für uns?

Ich glaube, das steckt in unserer DNA. Von den Eltern verlassen zu werden, ist wohl das Schlimmste, was einem Kind passieren kann. Es ist ja verpönt, das biologisch zu erklären, aber ich denke, wir können nicht raus aus unserer Biologie.

Alle ihre Bücher haben einen starken Bezug zur Wirklichkeit. Warum ist Ihnen das wichtig?

Mich fasziniert die Zeit, in der ich lebe. Deswegen grabe ich mich da hinein – ich bin ja auch Journalistin. Und je älter ich werde, desto deutlicher wird mir, wie die Gegenwart ein Produkt der Geschichte ist. Wie in Das Mädchen aus Stockholm.

Zurück nach Berlin: Sie haben die Stadt als Gegenwartsschauplatz gewählt – warum?

Also, wenn irgendein Land der Welt Produkt seiner Geschichte ist, dann ist es das heutige Deutschland. In Berlin habe ich diese Geschichte gefühlt, auch ihre Bürde. Das ist ein so starkes Gefühl, dass es mir als Hintergrund für meine Geschichte richtig erschien.

In Dänemark ist Berlin außerdem derzeit sehr angesagt…

Das stimmt. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass wir dieses Geschichtsgefühl in Dänemark nicht haben, weil das Land so klein ist und in der Weltpolitik immer die B-Rollen hatte. Deutschland dagegen nimmt heute seine internationale Rolle ernster – und das gefällt mir. Ich bin eben eine Moralistin.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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1990 entstand das Literaturhaus Schleswig-Holstein, 1998 zog die Institution auf Betreiben von Kulturministerin Marianne Tidick in das leerstehende Schwarzwaldhaus im Alten Botanischen Garten und ist seither zur festen Größe im Literaturbetrieb geworden. Zum 25-jährigen Jubiläum lädt das Haus zur Podiumsdiskussion. Thema: Literatur fördern.

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