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Daniel Hopes Familienbande in Lübeck

Interview zum SHMF-Projekt Daniel Hopes Familienbande in Lübeck

Der britische Stargeiger Daniel Hope realisiert vom 24. bis zum 26. Juli beim Schleswig-Holstein Musik Festival einen ungewöhnlichen Konzertmarathon in Lübeck, verteilt auf verschiedene Stätten – vom Audienzsaal des historischen Rathauses bis zum Schuppen 6 im Hafen.

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Immer auf der Suche nach dem Besonderen: Der Geiger Daniel Hope.

Quelle: Malandruccolo

Lübeck. Im Interview erzählt der in Wien lebende Sohn des südafrikanischen Schriftstellers Christopher Hope, der im Haus Yehudi Menuhins aufwuchs, wie es zu dem Projekt kam.

Mr. Hope, ist es nicht doppelt anstrengend vom üblichen Musikbusiness abzuweichen und anstelle von Standardprogrammen so vielgestaltiges und enggetaktetes Programm auf die Beine zu stellen?

 Für mich nicht. Es ist vielmehr ein Teil von dem, was ich wirklich gerne mache: Spezielle Programme konzipieren – und das am liebsten mit meinen Freunden. Das Prinzip hat mich schon immer gereizt und seit drei, vier Jahren kann ich es tatsächlich realisieren. Es war dann Christian Kuhnt, der Intendant des SHMF, der sich ausdrücklich gewünscht hat, etwas ganz Eigenständiges zu planen.

 Ein „Lübeck-Musikfest“ mit lauter „Familienstücken“ darin. Was bedeutet das?

 Dass ich mit meinen Freunden die Hansestadt Lübeck bespielen kann und dass wir dort nicht nur in die Musikhalle gehen, dass wir dem Publikum die Chance geben, vieles verschiedene Facetten kennen zu lernen. Und die Idee „Familie“ ist naheliegend: Es gibt so viele Werke, die unter diesem Aspekt entstanden. Ich habe dann gleich an die Familien Mann, Bach, Schumann gedacht. Oder ich habe in meiner eigenen weitverzweigten Familie nach Anknüpfungspunkten gesucht.

 Hat die Stadt Lübeck denn für Sie eine besondere autobiografische Bedeutung? Sie waren ja schon in den frühen Neunziger Jahre als Jugendlicher Teilnehmer der SHMF-Meisterkurse bei den legendären Lehrern Felix Andrievsky und Zakhar Bron.

 Unbedingt. Die Meisterkurse in der Musikhochschule und die Musikfeste auf dem Lande waren für mich wahnsinnig wichtige Erfahrungen. Bereits mit 13 Jahren war ich zum ersten Mal im Kurs von Andrievsky. Schon im ersten Jahr bin ich als Meisterkurs-Schüler in Emkendorf und Wotersen beim Musikfest aufgetreten. Das waren meine ersten öffentlichen Auftritte überhaupt! Und wer alles dabei war: Da saß ich plötzlich mit Evgeny Kissin, Maxim Vengerov und dem Emerson String Quartet in einer Künstlerküche hinter der Scheune. Die Aufregung, unmittelbar nach solchen Größen auftreten zu dürfen, die vergisst man niemals. Außerdem habe ich dann ja noch bei Bron in Lübeck studiert und meine frühere Frau dort kennengelernt. Das ist wirklich ein wichtiger Ort für mich.

 Wie entstehen dann die konkreten Programmteile? Aus dem Dialog mit den Wunschpartnern?

 Und im fruchtbaren Abgleich mit dem Festivaldramaturgen Frank Siebert. Meine Wunschliste war fünfmal so lang. Und es müssen ja auch die richtigen Räume gefunden werden. Auch dazu muss die Musik passen. Sodan dürfen die Teile nur maximal eine Stunde dauern – kleine Inseln. Schauspielerische Elemente waren mir wichtig. Ich arbeite ja schon seit 15 Jahren mit Klaus Maria Brandauer zusammen. Katja Riemann ist phantastisch – und eben so ganz anders. Kammermusikfreunde aus Amerika durften nicht fehlen. Der mir schon aus gemeinsamen Studienzeit so vertraute Pianist Jacques Ammon spielt mit mir und seiner Frau. Auch das sind familiäre Bande.

 Die Rahmenbedingungen sind zum Teil extrem intim, der Probenaufwand immens. Eine logitische Herausforderung ...

 ... die ist wahrlich nicht ohne!

 ... die aber nur einem zum Teil sehr kleinen Publikum zugute kommen kann. Ist das nicht schade?

 Ich finde das richtig toll. Wir spielen unser ganzes Leben nur in riesigen Räumen. Lübeck lebt aber vom Intimen. Das zeigt sich ja schon in der verwinkelten Architektur. Auch unsere Orte müssen intim familiär sein. Sowas kann man eben nur in einem Festival realisieren. Die Leute, die Karten ergattert haben, werden ein ganz besonderes Erlebnis gemeinsam mit uns Künstlern haben.

  Wieviel kann man dann als Daniel Hope aus diesem aufwändigen Projekt noch für den gängigen Musikweltzirkus „retten“?

 Mit Sicherheit werde ich vieles, wenn nicht alles davon wiederaufgreifen können. Ich habe in Amerika ein eigenes Festival. Am Tag nach Lübeck fliegen wir nach Bristol und wiederholen ein Programm. Hella von Sinnen kenne ich seit Jahren flüchtig und wollte schon immer ein Programm mit ihr machen. Der „Karneval der Tiere“ bot sich an. Dabei war sie sehr unsicher, ob sie das kann – eingebunden in ein Musikwerk. Aber ich habe nicht lockergelassen ... (lacht). Und ich lerne neue Musiker kennen wie Patrick Messina, einer der besten Klarinettisten der Welt. Ich bin da gar nicht selber beteiligt, will es aber unbedingt anhören.

 Gibt es schon Projekte für die Zukunft?

 Die gibt es – klar! (lacht ...)

 Kann man auch schon darüber reden?

 Eigentlich nicht. Aber 2016 ist das Gedenkjahr für Yehudi Menuhin. Das wird für mich im Fokus stehen, mit neuer Hommage-CD und einem zehntägigen eigenem Festival im Berliner Konzerthaus ... beginnend an seinem Geburtstag, dem 22. April, mit dem Elgar-Konzert.

 Da ist die Verbindung ja auch besonders tief.

 Auf jeden Fall. Und ich habe mich bislang noch nie künstlerisch zu ihm „geäußert“. Eigentlich bin ich kein großer Freund von Jahrestagen. Man soll zum Beispiel Komponisten nicht deshalb spielen, weil sie einen runden Geburtstag haben, sondern jederzeit, weil man es unbedingt möchte. Aber Menuhins 100. Geburtstag ist schon ein Meilenstein für mich.

  Sie übernehmen ab der Saison 2016/17 ein sehr renommiertes Ensemble, das Züricher Kammerorchester, als Leiter. Was ist der Reiz daran? Auch die Geschichte als Motor der Musik des 20. Jahrhunderts?

 Unbedingt. Aber auch wieder die Verbindung zu Menuhin und dem Festival in Gstaad. Ich bin mit dem Züricher Kammerorchester groß geworden. Alles, was ich in meinem Leben zum ersten Mal live gehört habe, war mit Menuhin und dem ZKO. Auch bei Menuhins allerletztem Konzert als Geiger waren das ZKO und ich dabei. Eine lange emotionale Bindung. Als Roger Norrington sich jetzt zurückgezogen hat, wurde ich gefragt. Ich bin aber kein Dirigent und werde auch keiner werden. Ich leite es dann als Konzertmeister, bin Solist oder lade spannende Dirigentenpersönlichkeiten ein.

  Gibt es denn überhaupt eine ästhetische Nähe von Hope und Norrington speziell was den Streicherklang angeht?

 Das Orchester musste aus der eher romantischen Prägung umschalten, als er kam. Norrington hat ihnen aber großartig Augen und Ohren geöffnet. Ich möchte mich aber nicht spezialisieren, sondern so viele Impulse aus verschiedenen Richtungen sammeln wie möglich. Gemeinsam wollen wir ein individuell passendes Gesicht entwickeln für jede Art von Musik. Ich neige selber überhaupt nicht zu einem übermäßigen Gebrauch von Vibrato. Aber das man im Jahr 1935, wenn man beispielsweise Bartók aufführt, immer noch ohne Vibrato gespielt hat, ist für mich nicht nachvollziehbar. Mit einem gezielt eingesetzten Vibrato passiert ja Interessantes. Norrington und ich haben in diesen Punkten schon wunderbare Auseinandersetzungen gehabt. Aber er ist ein Musiker, der mich wahnsinnig interessiert. Ich will versuchen, ein würdiger Nachfolger zu sein.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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