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Herz der Finsternis

SHMF Herz der Finsternis

Man mag es dem Zufall oder dem Schicksal zurechnen, aber wenn der Pianist Ivo Pogorelich das Schleswig-Holstein Musik Festival besucht, wird die Sache leicht heikel.

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Nutzte seine Virtuosität für fremdartige Lesarten bekannt geglaubter Werke: Ivo Pogorelich.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Bei seinem letzten Auftritt 2005 in Altenhof war der Steinway defekt. Über ein Jahrzehnt später ist für sein Recital im gut besuchten Schloss der Umblätterer zur falschen Zeit bestellt. In letzter Minute springt am Sonntag der hochmusikalische Hamburger Kinderarzt Moritz von Bredow ein, der eigentlich als Konzertbesucher nach Kiel gekommen ist, und bewahrt das SHMF vor einem weiteren Pogorelich-Desaster.

 Dem Meister selbst, der bereits am Tag zuvor in der Landeshauptstadt eingetroffen ist und auf Facebook schon ein paar Schnappschüsse der hiesigen Kreuzfahrtschiffe gepostet hat, sagt man von alldem lieber nichts. Und als es bei seiner Interpretation von Joseph Haydns Sonate D-Dur Hob. XVI:37 doch einmal zu einem kleinen Missverständnis zwischen ihm und dem ansonsten bewundernswert souverän blätternden „Notarzt“ kommt, bringt dies glücklicherweise keinen von beiden aus der Ruhe. Ganz anders kann es einem als Zuhörer gehen, während man die bekannt geglaubte Sonate in einer ganz neuen Form erlebt. Ivo Pogorelich, der zu den technisch vollendetesten Pianisten der Gegenwart zählt, nutzt seine Virtuosität bei diesem Werk für eine im besten Sinne des Wortes fremdartige Lesart: Im Allegro etwa vertreibt er die Geläufigkeit der Motive, indem er sie durch extreme Lautstärke-Kontraste, punktuelle Überbetonungen oder eigenwilliges Timing dekonstruiert. Für die ersten Takte des Largo scheint er den großen Konzertflügel kurzzeitig in ein stählern tönendes Cembalo zu verwandeln, um dessen Abgeklärtheit dann mit depressiv anmutenden Zeitlupe-Effekten ganz und gar auszuloten. Man hat den diesjährigen Lieblingskomponisten des Festivals in den vergangenen Wochen von vielen Seiten erleben dürfen – das Verstörungspotenzial seiner Musik aber zeigt sich hier wohl zum ersten Mal.

 Auch Ludwig van Beethovens Rondo G-Dur op. 129 „Die Wut über den verlorenen Groschen“ klingt an diesem Abend anders als bei allen anderen, wobei Pogorelich das Stück durch sein zunächst munter im Nähmaschinentakt ratterndes Spiel von einer zugänglicheren Seite zeigt und im weiteren Verlauf leicht answingt – Letzteres eine Taktik, die man noch von seinen früheren Beethoven-Aufnahmen kennt. Claude Debussys Suite Pour le piano zieht der Pianist dann wieder vollends in die eigene Umlaufbahn. Seine ebenso mit brutalen Akzenten wie mit endlosen Pausen arbeitende Interpretation könnte man durchaus mit dem Prädikat „Recomposed“ versehen. Als in vieler Hinsicht erschütterter Zuhörer kann man dabei zunächst den Eindruck gewinnen, es hätte jemand in der Partitur einzelne Noten nach eigenem Ermessen unterstrichen und andere ausradiert. Hört man jedoch genauer hin, scheint es so, als würde Pogorelich im Notentext einen geheimen Code entdecken und entschlüsseln, von dem selbst der Komponist noch gar nichts wusste.

 Bei diesem Vorgehen zeigen sich im Verlauf des Konzerts durchaus strukturelle Analogien. Auch in Sergei Rachmaninoffs Moments musicaux op. 16 zählen das intensive Hervorheben und das an Stillstand grenzende Nachklingenlassen zu den zentralen Techniken, mit denen der Pianist die Musik durchdringt und in ihr stets das Herz der Finsternis aufspürt, das schließlich sogar in den zwei zugegebenen Spanischen Tänzen op. 37 (Villanesca und Andaluza aus der Nr. 2) von Enrique Granados zu schlagen scheint. Das Publikum applaudiert am Ende mit Nachdruck für den Künstler, lässt ihn dann aber willig seiner Wege ziehen. Ob man ihm in sein musikalisches Reich folgen konnte oder nicht: Ein solcher Abend hat das Zeug, für immer nachzuklingen.

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